Im autoritären Belarus (Weißrussland) wurden erstmals seit zwölf Jahren oppositionelle Abgeordnete ins Parlament gewählt. Anna Kanopazkaja von der Vereinigten Bürgerpartei habe nach vorläufigen Ergebnissen ausreichend Stimmen erhalten, sagte Wahlleiterin Lidija Jermoschina. Die meisten der 110 Mandate gingen an regimetreue Kandidaten.

Kanopazkaja hatte im Wahlkampf konstruktive Kritik an der Regierung geübt und den Bau von mehr Schulen gefordert. Beobachter werteten ihre Wahl als Zeichen für eine Kooperationsbereitschaft von Machthaber Alexander Lukaschenko mit dem Westen.

Regierungskritische Medien stuften zudem die gewählte Politikerin Jelena Anisim als Oppositionelle ein. Sie setzt sich für eine Stärkung der belarussischen Sprache ein. Russisch und Belarussisch sind Amtssprachen, das Russische dominiert jedoch im Alltag.

Nach Angaben der Wahlkommission nahmen knapp 75 Prozent der rund sieben Millionen Berechtigten an der Parlamentswahl vom Sonntag teil. Eine Bewertung der Wahl durch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) steht noch aus. Die OSZE hatte rund 400 Beobachter in das Land geschickt.  

Einige Vorschläge der OSZE hatte Belarus vor der Wahl umgesetzt. Auch die Opposition räumte ein, dass die Regierung von ihrem harten autoritären Kurs etwas abgerückt sei. Erstmals sei etwa die Teilnahme an Diskussionen im Fernsehen erlaubt worden. Die Menschenrechtsorganisation Wesna warf den Behörden allerdings vor, zahlreiche Bürger zur vorzeitigen Stimmabgabe gezwungen zu haben. Nach Angaben der Wahlleitung hatte zwischen dem 6. und 10. September knapp ein Drittel der sieben Millionen Berechtigten vorzeitig gewählt. Dieser Vorgang sei kaum zu kontrollieren, sagen Kritiker.

Lukaschenko hofft angesichts einer tiefen Wirtschaftskrise mit einer Wahl nach demokratischen Standards die Beziehungen zum Westen zu stärken. Belarus setzt auf Kredite aus dem Westen. Die belarussische Wirtschaftsleistung war 2015 um fast vier Prozent geschrumpft. Auch für dieses Jahr sind die Aussichten schlecht. 

Die Ex-Sowjetrepublik habe viel bewegt, damit westliche Sanktionen aufgehoben werden, sagte der 62 Jahre alte Machthaber Alexander Lukaschenko bei der Stimmabgabe am Sonntag in einem Minsker Wahllokal. Er gilt als "letzter Diktator Europas", ist seit 22 Jahren im Amt und pflegt engen Kontakt zu Russland. Belarus vollstreckt als einziges Land in Europa die Todesstrafe.  "Wir wollen nicht mit Sanktionen leben", sagte der Präsident. Das enge Verhältnis zum "Bruderstaat" Russland solle unter der Annäherung an den Westen aber nicht leiden, betonte Lukaschenko.

Die EU hatte nach der friedlichen Präsidentenwahl 2015 und der Freilassung politischer Häftlinge Strafmaßnahmen gegen Belarus gelockert. Die Sanktionen waren nach dem harten Vorgehen gegen Opposition und Demonstranten 2010 verhängt worden.