Wenn Angela Merkel am Samstag zum Treffen der Staats- und Regierungschefs der führenden Wirtschaftsnationen nach China reist, dann beginnt womöglich eine neue Ära in der internationalen Politik. Im kommenden Jahr übernimmt Deutschland die Präsidentschaft der G 20, und traditionsgemäß werden die Schwerpunkte auf dem letzten Gipfel des Vorjahrs – also an diesem Wochenende – festgelegt.

Die wichtigsten Weichen haben die Unterhändler der Bundesregierung bereits in den vergangenen Wochen gestellt. Klar ist: Eine Priorität der deutschen Präsidentschaft wird die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung im südlichen Afrika sein.

Um die Bedeutung dieser Entscheidung zu verstehen, muss man sich kurz die Geschichte der internationalen Wirtschaftsgipfel vergegenwärtigen. Sie beginnt mit einem Kamingespräch auf Schloss Rambouillet im November 1975, an dem zunächst Großbritannien, Italien, Frankreich, Japan, die Vereinigten Staaten und Deutschland teilnahmen. Als wenig später Kanada hinzustieß, wurden daraus die G 7.

Erweiterungsrunde ist überfällig

Die Gründung eines informellen Netzwerks der mächtigsten Industrienationen war die Antwort auf die wachsende Internationalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Sie warf Probleme auf, die mit nationalstaatlichen Ansätzen nicht mehr zu beherrschen waren. Die Welt aber blieb nicht stehen, und Länder wie China und Indien drängten auf die Weltbühne, sodass auf dem Höhepunkt der internationalen Finanzkrise der Kreis um die wichtigsten Schwellenländer erweitert wurde (G 20).

Wenn nun zunächst nur informell und auf dem Wege von Partnerschaften mit einzelnen Länder auch Afrika Teil der Veranstaltung wird, dann ist das nichts weniger als das Eingeständnis, dass die nächste Erweiterungsrunde überfällig ist. Weltpolitik kann nur funktionieren, wenn auch die wichtigsten Entwicklungsländer einbezogen werden.

Diese Erkenntnis ist letztlich ein Ergebnis der Flüchtlingskrise. Durch sie haben sich die Machtverhältnisse in der Weltwirtschaft erneut verschoben. Die Schwellenländer verdanken ihren Einfluss auf internationaler Ebene ihrem wirtschaftlichen Erfolg: Der Westen konnte es sich schlicht nicht länger leisten, diesen Erfolg zu ignorieren. Die Entwicklungsländer dagegen verdanken ihren Einfluss ihrem wirtschaftlichen Elend: Seit klar ist, dass sich die Menschen dort zur Not zu Fuß auf den Weg nach Europa machen, kann der Westen es sich auch nicht mehr leisten, dieses Elend zu ignorieren.

Das klingt vielleicht zynisch, doch erstmals seit Ende der Kolonialisierung wächst der sogenannten Dritten Welt damit so etwas wie Verhandlungsmacht in den internationalen Institutionen zu. Im Kreis der G 20 wird allmählich klar: Wenn ihnen nicht geholfen wird, kommen noch mehr Flüchtlinge. Deshalb ist Merkels Engagement für Afrika nicht in erster Linie altruistischen Motiven geschuldet. Die Kanzlerin hat erkannt, dass die Probleme in Nigeria, Malawi oder Somalia letztlich auch unsere Probleme sind.