2008 wurde Johnson Bürgermeister von London. Der Start im neuen Amt verlief nicht problemlos: Johnson tauchte zu Terminen oft zu spät auf und ließ die erforderliche Etikette vermissen. Als er bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele in Peking im aufgeknöpften Schlabberjackett auftauchte, löste er einen diplomatischen Eklat aus. Während seiner ersten Monate als Bürgermeister entließ er mehrere Stellvertreter und Angestellte. Doch das Klima im Rathaus verbesserte sich. Viele seiner damaligen Angestellten erinnern sich an die Zeit gerne zurück.

Johnson gewann alleine schon deswegen die Sympathie vieler Londoner, weil er zur Arbeit radelte und die "europäischen" Gelenkbusse abschaffte, da diese von vielen als Gefahr für Fahrradfahrer angesehen wurden. Zudem führte er die Boris Bikes ein: Hässliche, aber praktische Dreigang-Mietfahrräder, die man sich an mehr als 10.000 Stationen stadtweit mieten kann. Die Idee dazu stammte zwar noch von seinem Vorgänger Ken Livingstone. Doch wie bei anderen Erfolgen – etwa den Olympischen Spielen von London 2012 – scheute sich Johnson nicht, die Lorbeeren für Verdienste mitzunehmen, die andere in die Wege geleitet haben. 

Misserfolge überging er dagegen einfach. Als der Labour-Politiker Sadiq Khan im Mai dieses Jahres den Posten des Bürgermeisters von Johnson übernahm, entdeckte er im Rathaus einen Bericht über Londons miserable Luftqualität, von der vor allem Menschen in ärmeren Stadtteilen betroffen sind. Er stammte aus dem Jahr 2013. Johnson hatte ihn in der Schublade verschwinden lassen.

"250.000 Pfund? Kleingeld"

Doch auch als Bürgermeister der britischen Hauptstadt war Johnson offenbar schnell gelangweilt. Detailfragen interessierten ihn nicht, er kümmerte sich um das Grobe. Für die Feinheiten mussten seine Mitarbeiter sorgen. Johnson trat weiter regelmäßig in Fernsehshows auf und schrieb weiter seine wöchentlichen Kolumnen für den Daily Telegraph, mit denen er 2005 begonnen hat – und für die er 250.000 Pfund im Jahr bekommt. Als er bei einem Interview mit der BBC darauf angesprochen wurde, bezeichnete Johnson die Summe als "Kleingeld". Der nächste Skandal: Es war 2009 und Großbritannien steckte in einer tiefen Rezession.

Schon vor dem Ende seiner zweiten Amtszeit als Bürgermeister sorgte Johnson dafür, dass er für die konservative Partei bei den Parlamentswahlen 2015 in einem sicheren Tory-Wahlkreis als Kandidat aufgestellt wurde. Er gewann und zog erneut als Abgeordneter ins Unterhaus ein. Sofort kam in den Medien die Frage auf: Plant Johnson, Cameron den Job als Tory-Chef und Premierminister streitig zu machen? Seine offenbar taktische Entscheidung, sich im Vorfeld des EU-Referendums dem Leave-Lager anzuschließen, spricht stark für diese Theorie.

Ist am Ende alles unecht?

Johnson-Biografin Sonia Purnell kommt in ihrer Einschätzung letztlich zu einem nicht besonders schmeichelhaften Urteil. In Just Boris beschreibt sie Johnsons gesamtes öffentliches Image als Ergebnis einer wohlkalkulierten Selbstinszenierung. Die abgewetzten Anzüge, die zerzausten Haare, seine clownhaften Auftritte: alles unecht. Selbst Boris sei eigentlich nur sein zweiter Vorname. Seine Freunde riefen ihn bei seinem ersten Vornamen, Alexander.

Johnson sei ein "manischer Selbstdarsteller", der seine Ansichten häufiger wechsle als seine Kleidung und dessen Verhalten noch schwieriger vorherzusagen als zu lesen sei, schreibt Purnell. Trotz seiner elitären Herkunft und seiner rechtskonservativen Ansichten habe er es jedoch geschafft, sich das Image des "Anti-Politikers" zu verleihen.

Hinter dieser Fassade steckt demnach ein getriebener Machtmensch, der schon länger Premierminister werden will. Als Purnell 1992 Boris Johnsons zukünftige Frau Marina auf einer Party in Brüssel gefragt habe, was sie von Johnson halte, habe Marina entgegnet: "Er ist einer der rücksichtslosesten und ehrgeizigsten Menschen, die ich je getroffen habe."