Eine Hauptforderung der Brexit-Aktivisten: die Einwanderung von EU-Bürgern nach Großbritannien begrenzen. Diesem Wunsch will die britische Regierung unter Theresa May nachkommen, doch bislang konnten sich die Politiker nicht einigen, wie sie das umsetzen wollen. Innenministerin Amber Rudd kündigte nun an, über ein System nachzudenken, demzufolge EU-Bürger in Zukunft zum Arbeiten in Großbritannien eine Arbeitserlaubnis bräuchten. Der BBC sagte Rudd, dass sie nichts ausschließen wolle. Notwendig sei, dass die neue Regelung gut für die britische Wirtschaft sei.

Momentan gelten noch die Gesetze der Europäischen Union, nach denen EU-Bürger bei Niederlassung und Arbeit innerhalb der EU völlige Freizügigkeit genießen. Nur Arbeitswillige aus Ländern außerhalb der EU brauchen ein Visum. Rudd sagte, die britische Regierung arbeite mit vollem Einsatz darauf hin, die jährliche Zuwanderungsrate von 327.000 Menschen auf Zehntausende zu reduzieren.

Brexit-Aktivisten wie der Außenminister Boris Johnson hatten zu diesem Zweck ein Punktesystem nach Vorbild Australiens vorgeschlagen. Premierministerin May lehnt das allerdings ab und auch Innenministerin Rudd sagte der BBC, dass so ein System "einfach nicht funktioniert". Stattdessen überprüfe sie die Alternative, dass EU-Bürger eine Arbeitserlaubnis beantragen müssten. Außerdem denke sie über Wege nach, um die Anzahl der Menschen zu reduzieren, die mit einem Studentenvisum nach Großbritannien kommen.

Beobachter rechnen damit, dass die Frage nach der Einwanderungsbegrenzung bei den bevorstehenden Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien über dessen Ausscheiden aus der Union ein zentrales Thema wird. Die Regierung in London will striktere Grenzkontrollen und weniger Einwanderer, aber zugleich den freien Zugang zum EU-Binnenmarkt behalten. Großbritanniens EU-Partner sind sich aber bislang einig, dass Handelsvorteile nur gewährt werden können, wenn auch EU-Bürger weiter freien Zugang nach Großbritannien haben.

Auf Deutschland könnten dank Brexit höhere Kosten zukommen

In jedem Fall würde mit dem Brexit ein wichtiger finanzieller Unterstützer der EU wegfallen. Der deutsche Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) rechnet dem Spiegel zufolge daher mit steigenden Kosten für Deutschland. Das Nachrichtenmagazin zitierte aus einer internen Vorlage des Finanzministeriums, in der Schäubles Beamte eine "Erhöhung des deutschen Anteils an der Finanzierung des EU-Haushalts um rund 4,5 Milliarden Euro jeweils für die Jahre 2019 und 2020" für möglich halten.

Mit dem Brexit drohe der "Verlust des zweitgrößten Nettozahlers" zum EU-Haushalt, heißt es demnach in dem Papier. Deutschlands Anteil an der Wirtschaftskraft der Rest-EU werde von heute 21 Prozent auf 25 Prozent steigen. Die Annahmen beruhen den Angaben zufolge allerdings auf dem aktuellen Finanzrahmen und beinhalten "noch keine denkbaren Ausgleichsreaktionen".

Eine solche könnte dem Spiegel zufolge beispielsweise sein, dass Großbritannien der EU etwas dafür zahlen müsste, wenn es weiterhin Zugang zum EU-Binnenmarkt erhalten wolle. Auch könnte im EU-Haushalt eingespart werden. 

Die Briten hatten in einem Referendum am 23. Juni mit knapper Mehrheit für einen Ausstieg ihres Landes aus der EU gestimmt. Allerdings hat die britische Regierung das Austrittsverfahren nach Artikel 50 noch nicht offiziell in Gang gesetzt.