Vor zehn Wochen haben die Briten beschlossen, aus der Europäischen Union auszuscheiden. Doch bis zum Vollzug des Brexit wird es immer länger hin. Schon gar nicht ist heute abzusehen, auf welche Scheidungsregelung sich die Austrittssuchenden mit den 27 EU-Hinterbleibenden verständigen werden.

Während der Parlamentsferien hat sich der Nebel eher noch verdichtet. Premierministerin Theresa May speist alle Welt weiterhin mit ihrer Tautologie "Brexit heißt Brexit" ab. Doch was für ein Brexit soll es sein? Und wann soll er vollzogen werden?

Erst wenn die britische Regierung formell ihren Austrittsantrag nach Artikel 50 des EU-Vertrages gestellt hat, können Verhandlungen über das künftige Verhältnis des Vereinigten Königreiches zur Europäischen Union beginnen. Sie müssen dann binnen zwei Jahren abgeschlossen sein, eine Fristverlängerung ist bei Einstimmigkeit möglich. Kommt kein Abkommen zustande, tritt Großbritannien ungeregelt aus. Neuerdings hat es den Anschein, dass May den Antrag erst 2017 stellen wird, möglicherweise sogar erst Ende des Jahres.

Das Kabinett ist gespalten

Das hieße, dass England nach zweijährigen Verhandlungen nicht vor 2019 aus der Brüsseler Gemeinschaft ausscheidet – nach einem Verhandlungsmarathon sondergleichen. Das Vereinigte Königreich muss sich aus den vielfältigen Bindungen mit der EU lösen und ein irgendwie geartetes Freihandelsabkommen mit ihr aushandeln. Zugleich jedoch muss es die Handelsverbindungen mit den 163 Mitgliedern der Welthandelsorganisation neu knüpfen und sich mit ihnen über Zigtausende von Zöllen, Quoten, Subventionen und andere notwendige Regelungen einigen.

Eine Schwierigkeit liegt darin, dass es den Briten an Handelsexperten fehlt – den 25 ihrer Fachleute stehen in Brüssel 500 gegenüber. Jetzt sollen Hunderte von Fachkräften angeheuert werden, auch aus dem Ausland.

Die größte Schwierigkeit ergibt sich indessen daraus, dass das Kabinett in der Sache gespalten ist. Der Schatzkanzler Philip Hammond will – darin unterstützt von der City und der Industrie – einen Brexit light, was heißt, nach dem norwegischen oder schweizerischen Modell im Binnenmarkt zu verbleiben. Dies setzt allerdings die Anerkennung der Freizügigkeit nicht nur von Waren, Dienstleistungen und Kapital, sondern vor allem von Personen voraus. Die EU wird da keinen Rabatt geben.

Die harten Brexiter in der Regierung hingegen beharren darauf: der großspurige Außenminister Boris Johnson, der Austrittsminister David Davis und der Handelsminister Liam Fox. Sie leisten sich zwar einen erbitterten Machtkampf um Zuständigkeiten, doch in einem sind sie sich einig: Der Referendumsauftrag, die Einwanderung aus der EU zu begrenzen, muss ausgeführt werden – auch wenn dies bedeutet, einem Markt von 500 Millionen Menschen den Rücken zu kehren.