Eigentlich ist die Mauer von Calais nur die ein Kilometer lange Fortsetzung eines vier Meter hohen Stacheldrahtzauns entlang des Autobahnzubringers zum berühmten Fährhafen der Stadt. Wie der Zaun soll die Mauer verhindern, dass die Flüchtlinge, die im Lager am Rande der Stadt wohnen, zur Autobahn und dann zum Hafen gelangen, um heimlich auf die Insel überzusetzen.

Dabei steht die Mauer von Calais noch gar nicht. Derzeit graben Baggerfahrzeuge am Rande der Autobahn Löcher für ihre Fundamente. Und dennoch ist die Mauer bereits in allen Köpfen. Schon trennt sie Welten zwischen Flüchtlingen und Franzosen, zwischen Hütten und Palästen, zwischen Öffnung und Rückzug.

"Die Mauer, die Mauer, hören Sie auf damit!" ereifert sich Jean-Marc Puissesseau, Vorstandschef des Hafenbetreibers Port Boulogne-Calais, kurz bevor er zu Wochenbeginn den französischen Präsidenten François Hollande auf der neuen Hafenbaustelle von Calais empfängt. Hollande kommt zur Grundsteinlegung für das 850-Millionen-Projekt, das Puissesseau hier leitet. Riesige neue Dämme und Kaimauern entstehen. Über hundert Journalisten sind mitgekommen, doch sie interessieren sich mehr für die 2,8 Millionen Euro teure Mauer rund um das Flüchtlingslager von Calais als für das mehr als 300-mal so teure Hafenprojekt.

Calais - Mauerbau nahe Flüchtlingslager © Foto: PHILIPPE HUGUEN/AFP/Getty Images

Der Vollblutunternehmer Puissesseau, Typ Alleskönner und einer der einflussreichsten Männer am Ort, kann es nicht fassen: "Ihr Journalisten redet von einer neuen Berliner Mauer, einer Mauer, wie Trump sie zwischen den USA und Mexiko bauen will – das ist Unsinn. Wir dachten doch nur, diesmal sei es besser, eine Mauer statt eines Stacheldrahts zu bauen, weil die sich leichter begrünen lässt."

Ja, so einfach dachten sie sich das: die Entscheider Puissesseau und Hollande und all diejenigen, die den Mauerbau in Calais mit auf den Weg brachten. Sie sitzen an diesem Morgen alle gemeinsam in der ersten Stuhlreihe eines großen Festzelts am Strand des Ärmelkanals und lauschen der Rede ihres Präsidenten. Neben Puissesseau sind da die Bürgermeisterin von Calais, der Präfekt, der Regionalratspräsident, weitere Unternehmer und Lokalpolitiker.

Die Sache ist zu politisch geworden

Keiner von ihnen hat in den letzten Monaten gegen den von der britischen Regierung finanzierten Mauerbau aufbegehrt.  Alle sind sie hoch angesehene Leute. Doch plötzlich spüren sie, dass etwas schiefläuft. "Die Sache ist zu politisch geworden", bedauert Puissesseau. Bürgermeisterin Natacha Bouchart, eine Konservative, möchte nun gar die Bauarbeiten stoppen. Dabei war sie es, die erst kürzlich die Begrünung der Mauer vorschlug.

Tatsächlich wirft die noch gar nicht fertiggestellte Mauer bereits ihre Schatten auf das Establishment. Warum der Präsident denn nicht auch die andere Seite der Mauer besuche, fragen Journalisten die Mitarbeiter Hollandes in Calais. "Aus Sicherheitsgründen", lautet deren lapidare Antwort. Als wäre der Präsident jenseits der Mauer im eigenen Land nicht mehr sicher.

Natürlich wäre er es. Es gibt nichts zu befürchten. Nur viele, die wie Hollande noch nie auf der anderen Seite der Mauer waren, haben Angst vor den Zuständen dort. Meist aus Unkenntnis und Angst vor dem Fremden.

Ein friedlicher Ort

Ja, es herrschen dort Verhältnisse wie in Afrika oder Südasien, doch sie sind nicht gefährlich. Das Flüchtlingslager ist ein friedlicher Ort. Von der Grundsteinlegung ist es nur eine Fünf-Minuten-Taxifahrt auf der Autobahn entlang der neuen, im Bau befindlichen Mauer bis dorthin. Aus dem Autofenster ist sichtbar, wie an manchen Mauerstellen schon die Fundamente gegossen werden. Welten liegen zwischen Hafen und Lager, wie in jedem Schwellenland zwischen Neubauviertel und Slum. Deshalb aber wird man auf der anderen Seite der Mauer nicht schlechter empfangen.    

Gleich an der ersten Essensausgabe für die Flüchtlinge, zwei Holztische mit drei Suppentöpfen und einer Plastikplane darüber, steht der ehemalige Landwirtschaftsexperte François Guennoc, ein französischer Frührentner, der seit zwei Jahren für die lokale Hilfsorganisation L‘Auberge des Migrants das Flüchtlingslager mitverwaltet. Er ist das bekannteste Gesicht des Lagers. Wo Guennoc mit Dreitagebart, Jeans und Blouson hinfährt, grüßen ihn Flüchtlinge und Freiwillige.

Sie leben auf Kieseln und Sand in eng aneinandergereihten Wellblechhütten und Zelten. In ganz Frankreich, so erklärt Guennoc, gäbe es heute keinen besseren Anlaufpunkt für Flüchtlinge als das Lager in Calais. Hier sei ihnen ein Schlafplatz und Verpflegung sicher und sie könnten einen Antrag auf Asyl stellen. Würden sie den Antrag in Marseille oder Paris stellen, sagt Guennoc, blieben die Flüchtlinge anschließend auf der Straße.