Der angebliche Putschist erhebt sich nur mit Mühe aus seinem Sessel. Der Mann, den Erdoğan einen Terroristen nennt, ist ein alter Herr mit Arthrose. Er lächelt. Ein weiter Raum, helle Teppiche, mattgoldene Kissen. Regalweise Korankommentare, gerahmte Ornamente. Fetullah Gülen ganz hinten in der Ecke winkt die Besucher heran, sagt etwas zur Begrüßung im altertümlichen Türkisch der Osmanen. Er steht auf geschwollenen Füßen ganz nah bei seinem Sessel. Alle sind froh, als er wieder sitzt.

DIE ZEIT: Mister Gülen, Hodscha Effendi, Sie haben als kleiner Imam angefangen und eine weltweite Religionsgemeinschaft begründet. Wie fühlen Sie sich nun als Staatsfeind?

Fetullah Gülen: Ich fühle mich schikaniert. In der Türkei war ich ein staatlich lizensierter Prediger. Aus meinen Predigten entstanden über 70 Bücher, in denen Sie nachlesen können: Ich verurteile jeglichen Terror. Einst habe ich die Präsidenten Süleyman Demirel und Turgut Özal unterstützt, weil sie sich zur Demokratie bekannten. Gottseidank glauben jetzt nicht alle, was Präsident Erdoğan behauptet. Wissen Sie: Wer andere Menschen Terroristen nennt, obwohl sie Frieden predigen, ist selbst ein Terrorist.

ZEIT: Schon 1999 wurden Sie angeklagt, die Regierung stürzen zu wollen.

Gülen: Die höchsten richterlichen Instanzen der Türkei sprachen mich frei.

ZEIT: Säkulare Türken nennen Sie einen Islamisten. Ist das korrekt?

Gülen: Nein, absolut nicht. Ich habe den politischen Islam immer abgelehnt. Wer den Islam in eine politische Ideologie verwandelt, verrät ihn. Wer Politik und Religion vermischt, schadet beidem – aber der Religion besonders. Die Hizmet-Bewegung will Toleranz und Verantwortung stärken. Es widerspricht ihrem Geist, anderen einen Glauben aufzuzwingen. Wo der demokratische Staat seinen Bürgern die freie Religionsausübung garantiert, brauchen Muslime keine andere Regierungsform.

ZEIT: Warum sind Sie Prediger und nicht Politiker geworden?

Gülen: In den 70er Jahren war ich Imam in einer Moschee, wo Gläubige aller politischen Richtungen beteten. Als Präsident Erbakan mir einen Sitz im Parlament anbot, damit ich seine Partei unterstütze, habe ich gesagt: Dann würde ich Teile meiner Gemeinde brüskieren. Lernen und Lehren sind mein Lebenszweck. Eine aktive Rolle in der Politik passt dazu nicht. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Weltliches Engagement ist keine Sünde.

ZEIT: Warum haben Sie Recep Tayyip Erdoğan und seine Partei AKP unterstützt, die doch aus einer islamistischen Bewegung erwuchs?

Gülen: Weil er versprach, unserem Land den Weg in die EU zu ebnen. Ganz am Anfang, als ich für einen EU-Beitritt argumentierte, verdammten Erdoğans Anhänger mich noch als unislamisch. Dann änderte der Präsident seine Meinung. Er hoffte, dass Hizmet ihn als Führer aller Muslime preist, weltweit für ihn wirbt.

ZEIT: Was verband Sie persönlich mit ihm?

Gülen: Weder ich noch meine Freunde standen Erdoğan je wirklich nahe, auch wenn das jetzt behauptet wird. Ich selbst traf ihn nur wenige Male, noch bevor er 2003 Ministerpräsident wurde. Als er die AKP gründete, versprach er Freiheit und Demokratie, wollte die Menschenrechte stärken und die politische Macht des Militärs einschränken. Deshalb hat Hizmet ihn unterstützt. Aber nach dem dritten Wahlsieg der AKP im Jahr 2011 brach er seine Versprechen und machte einen U-Turn: weg vom Verfassungsstaat hin zum Präsidialsystem.

Fethullah Gülen - "Ich habe den politischen Islam immer abgelehnt" Der türkische Präsident Erdoğan macht Fethullah Gülen für den Putschversuch im Juli verantwortlich. Der umstrittene Prediger äußerte sich dazu gegenüber der ZEIT im Exil. © Foto: Mark Abramson