Die Flüchtlingskrise vom vergangenen Jahr ist vorhersehbar gewesen, wie mittlerweile jeder weiß. Aber weder Medien noch Politik haben die Massenabwanderung insbesondere aus Syrien früh genug ernst genommen, was dazu führte, dass sie Europa unvorbereitet traf.

Und heute? Da übersieht Europa schon wieder eine offenkundige Entwicklung. Oder es sieht sie und findet die Herausforderung zu groß, zu übermächtig, um darauf zu reagieren.

Alle Bevölkerungs- und Wirtschaftsdaten aus Afrika rufen regelrecht, dass auch von dort starke Migrationsbewegungen ausgehen werden, wesentlich größere noch als gegenwärtig. Das Grundproblem lautet, dass dort dramatisch mehr Menschen geboren werden als Jobs entstehen. Laut der UN-Bevölkerungsprognose von 2015 wird sich die Einwohnerzahl Afrikas von heute, fast 1,2 Milliarden Menschen, auf rund 2,5 Milliarden Menschen im Jahr 2050 mehr als verdoppeln. Besonders rasant ist das Wachstum im Kongo, in Äthiopien, Niger, Tansania und Uganda. Nach Statistiken der Weltbank bekam jede Frau in Niger im Jahr 2012 durchschnittlich 7,5 Kinder, im Kongo, in Nigeria und Uganda 6.

Gleichzeitig ist Subsahara-Afrika schon heute eine der Regionen mit der höchsten Arbeitslosigkeit der Welt. Laut der International Labour Organization (ILO) finden dort nur die Hälfte aller jungen Leute einen Job. Über 60 Prozent verfügten nicht über eine Ausbildung, die sie zu einer produktiven Arbeit befähige, so die ILO. In Nordafrika liege die Jugendarbeitslosigkeit stabil um die 30 Prozent.

Ein Drittel aller Erwachsenen in Subsahara-Afrika würde gern emigrieren, fand das Meinungsforschungsinstitut Gallup in einer großangelegten Studie heraus.

Nichts davon ist verwunderlich. Verwunderlich ist allerdings sehr, dass Europa trotz dieser alarmierenden Daten keine neuen Ideen produziert, wie es helfen könnte, die Lage zu entschärfen. Die sogenannte Entwicklungshilfe jedenfalls scheint in den vergangenen 60 Jahren so gut wie nichts bewirkt zu haben. Warum? Weil es nichts nutzt, Geld in Länder zu pumpen, die ungefähr so aufnahmefähig sind wie löchrige Eimer. Die großzügigsten Aufbauprogramme ändern nichts an der Fundamentalmisere unterentwickelter Staatlichkeit, die gebraut ist aus: fehlender Rechtssicherheit, mangelndem Eigentumsschutz, Korruption und unfähigen Politikern.

Im Sudan verhungern Menschen nicht, weil die EU ihnen mit Zöllen den Marktzugang verwehrt. Sie verhungern, weil es nichts zu exportieren gibt. Und es gibt nichts zu exportieren, weil den vielen Kleinbauern das Land, das sie bewirtschaften, nicht gehört. Sie können es also nicht beleihen, also keine Kredite aufnehmen, also keine Traktoren und Bewässerungsanlagen finanzieren, die eine effektive Landwirtschaft erst ermöglichen würden. Ohne funktionierende Verwaltung und Banken, sprich: ohne vertrauenswürdige Institutionen, wird "Hilfe zur Selbsthilfe" ein ewig schöner Slogan bleiben.

Eine bessere langfristige Hilfe für Afrika wäre es, hoffnungsvolle junge Leute von dort für einige Jahre an Akademien in Europa zu holen, um ihnen die Grundzüge eines modernen Staatswesens zu vermitteln, von der Gesetzmäßigkeit von Regierungshandeln bis zu den Möglichkeiten der Geburtenkontrolle. Es nützt nichts, solche Veränderungen von außen überzuhelfen. Der Wille zur Veränderung muss aus innerer Überzeugung kommen. An diesem wichtigen Gut mangelt es Afrika.

Auch wenn dies alles erst in Jahrzehnten Wirkung zeigen könnte – es soll niemand sagen, wir wüssten nicht schon heute, was zu tun wäre.