Es sind Zahlen, um sich zu empören. 28 Millionen Minderjährige sind weltweit auf der Flucht, schätzt das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen Unicef. 17 Millionen davon sind Vertriebene im eigenen Land; 11 Millionen mussten ihr Geburtsland verlassen. Sie sind keine Wirtschaftsmigranten. Unicef zählte in seiner Statistik nur die Kinder und Jugendlichen, die vor Krieg "oder anderen gefährlichen Situationen" fliehen müssen – also vor bewaffneten Konflikten, vor Bandenkriegen, vor anderen Formen der Gewalt.

Die Zahl der vertriebenen Kinder und Jugendlichen wächst. Das UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge betreut heute doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.

Kinder und Jugendliche sind besonders verletzlich. Sie sind es erst recht auf der Flucht – und noch mehr, wenn sie allein unterwegs sind. Sie werden sexuell missbraucht, misshandelt, ins Gefängnis geworfen, zur Arbeit gezwungen oder zum Kämpfen im Krieg, müssen fremdenfeindliche Übergriffe ertragen und die brutale Behandlung durch ihre Schmuggler. Manche Kinder werden verheiratet. Viele sterben. Die Überlebenden – und ihr Umfeld – tragen häufig ihr Leben lang an den Folgen der erlittenen Gewalt.

Unicef hat ja recht: Diese Statistik ist "einfach inakzeptabel". Aber Empörung allein ist wohlfeil. Folgt aus ihr nichts, kann sie sogar schaden, denn wer sich zu oft über die Ursachen von Leid empört, ohne dass sich etwas ändert, stumpft ab und wird zynisch und hart gegenüber fremdem Schmerz.

Mehr Tote als zuvor

Als vor einem Jahr das Foto des ertrunkenen Alan Kurdi um die Welt ging, war der Aufschrei groß. Es gab die Hoffnung, dieses Bild könnte etwas verändern. Doch nichts hat sich geändert. In den ersten Monaten des laufenden Jahres ertranken im Mittelmeer mehr Menschen als zuvor. Schätzungsweise ein Drittel der in der Ägäis ertrunkenen Flüchtlinge, sagt Unicef, seien Minderjährige.

Und sie werden weiter in brüchige Boote steigen, solange der Krieg in Syrien nicht aufhört. Fast die Hälfte der Flüchtlingskinder stammt von dort, oder aus Afghanistan. Der Empörung über ihre Lage Taten folgen zu lassen, hieße: mit aller Kraft daran zu arbeiten, dass in Syrien Frieden einkehrt. Nur bietet die Realpolitik dazu derzeit nicht viele Möglichkeiten. Baschar al-Assad hat in Wladimir Putin einen starken Verbündeten, dem die EU und die USA wenig entgegensetzen können. 

Erst vor wenigen Wochen wurde erneut ein empörendes Bild von einem syrischen Kind veröffentlicht, das Foto eines von Bombenstaub bedeckten Jungen aus einem Krankenwagen in Aleppo. Auf die Empörung folgt diesmal schnell ein Gefühl der Machtlosigkeit. 

Wenn man aber schon so wenig daran ändern kann, dass so viele Kinder gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben werden, dann sollte man wenigstens alles tun, um ihre Lage auf der Flucht zu lindern. Zum Beispiel ihren Schulbesuch garantieren, aber nicht dem Trugschluss aufsitzen, damit wäre schon alles gelöst. Ihnen Schutzräume bieten, gerade in den Sammelunterkünften, in denen sie sich ohne Furcht vor Übergriffen aufhalten können. Selbst in Deutschland lernt man das gerade erst. Sie nicht mehr ins Gefängnis stecken, wie es selbst in manchen europäischen Ländern immer noch geschieht – zum Beispiel in Griechenland, wohin Innenminister Thomas de Maizière Flüchtlinge bald wieder abschieben will. Keine Zäune in Nordafrika finanzieren, an denen Jugendliche auf der Flucht sich so verletzen, dass sie verbluten.

Es kann nicht so schwer sein, diese Verbesserungen zu erreichen. In wenigen Tagen werden sich die Staats- und Regierungschefs der Welt in New York zum UN-Sondergipfel zu Flucht und Migration treffen. Ob die Empörung über die Unicef-Studie bis dahin anhält?