Am Morgen nach der Fernsehdebatte zwischen Donald Trump und Hillary Clinton war die Welt ihrer Wahlstrategen und der demokratischen Parteispitze wieder in Ordnung. Ihre Kandidatin hatte den Donald, wie sie ihn durchweg nannte, auf seinen Platz als polternden, rassistischen und ahnungslosen Populisten verwiesen (Trump sprach Clinton mit "Frau Minister" an, dem üblichen Ehrentitel auch für ehemalige US-Minister, wohl auch um sie als Teil des politischen Establishments zu brandmarken).

Clintons Anhänger und viele Kommentatoren in den Medien glauben, dass die Kandidatin nun nach einer langen Serie negativer Schlagzeilen – ihre Nutzung privater Rechner für geheime E-Mails, die Verstrickungen von Unternehmensinteressen und der privaten Clinton-Stiftung, die Gerüchte über ihren Gesundheitszustand – endlich die Wende geschafft hat. Und dass ihr der Wahlsieg jetzt kaum noch zu nehmen sei.

Doch Clintons Probleme gehen tiefer als ihre Skandale. Da ist erstens ihre elitäre Haltung gegenüber weiten Teilen der amerikanischen Wählerschaft. Die hat sie selbst erst kürzlich auf den Punkt gebracht. Clinton sprach bei einem Dinner in New York. Das Publikum: wohlhabende Spender für ihren Wahlkampf. 50.000 Dollar kostete das Gedeck an diesem Abend, eingeladen hatte Barbra Streisand. Ihren Gönnern erklärte Clinton, wie sie die Millionen Trump-Anhänger im Land sieht. Diese bestünden zur Hälfte aus einem "Korb von Erbärmlichen". Sie seien "rassistisch, sexistisch, ausländerfeindlich, islamfeindlich und so weiter".

Und die Kandidatin fügte noch hinzu, diese Menschen seien schlicht "nicht zu retten". Ihr Publikum an jenem Abend lachte. Trumps Kampagne verwendete die Bemerkung für einen Wahlwerbespot und Clinton entschuldigte sich dafür. Als Mitt Romney, der Gegenkandidat von Barack Obama bei dessen Wiederwahl 2012, bei einer ähnlichen Veranstaltung erklärte, auf die "47 Prozent im Land, die keine Steuern zahlen" gerne verzichten zu wollen, galt er als abgehobener Multimillionär. Der Mitschnitt dürfte mit der Grund für seine Niederlage gewesen sein.

Ganz anders die Reaktion auf Hillarys Fauxpas. Politische Kommentatoren befanden, die Kandidatin habe endlich den Mut bewiesen, die Wahrheit auszusprechen. "Clinton hätte sich nur dafür entschuldigen sollen, dass sie mit ihrer Einschätzung, wie viele von Trumps Anhängern in diesen Korb gehören, viel zu niedrig lag", schrieb etwa die Washington Post.

Nicht alle waren jedoch einverstanden. Clinton und ihre Anhänger versuchten mit Worten ihre Gegner moralisch mundtot zu machen, urteilte der politische Blogger Sean Collins. So würden legitime Anliegen diskreditiert. "Wer eine stärkere Kontrolle bei der Einwanderung will, ist ausländerfeindlich. Wer mehr Sicherheit gegen Terrorismus will, ist islamfeindlich. Wer die Ansichten der radikalen Schwarzenbewegung Black Lives Matter nicht teilt, ist rassistisch", schrieb Collins in Spiked, einem linkslibertären Onlinemagazin. Die einzige akzeptable Pauschalverurteilung, so Collins, sei die Verachtung von "white trash".

Clintons Anhänger verweisen gerne darauf, dass Clinton bei ihrer Kritik nur die Hälfte der Trump-Wähler gemeint habe. Tatsächlich setzte die Kandidatin an jenem Abend ihre Beschreibung fort. Die andere Hälfte seien Menschen, die glaubten, dass "die Regierung und die Wirtschaft sie im Stich gelassen haben, dass sich niemand um sie und ihre Sorgen kümmert". In anderen Worten: Verlierer. Immerhin erklärt Clinton, dass man sich um diesen Teil der Trump-Anhänger kümmern sollte.

Es sind Eindrücke wie diese, die Wähler in die Arme Trumps treiben. Clintons mangelndes Einfühlungsvermögen erschließt sich vielleicht am besten aus ihrem Lebenslauf. Geboren wurde Hillary in Chicago als Tochter von Hugh Rodham, einem kleinen Textilunternehmer, der Vorhänge für Büros, Hotels und Theater vertrieb. Die Rodhams gehörten zur Mittelschicht. Das Geschäft ihres Vaters habe ihr Verantwortungsbewusstsein eingeflößt. "Ich bin der beste Beweis, dass man in Amerika durch harte Arbeit und Pflichterfüllung seine eigenen Träume und die seiner Kinder erfüllen kann", sagte sie der Nachrichtenagentur AP.