Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass 16-Jährige am vergangenen Mittwochabend auf YouTube, YouNow oder Twitch rumhingen, statt Junckers Rede zur Lage der Europäischen Union zu hören. Warum auch einem alten Mann im Anzug zuhören, der einen sperrigen Satz nach dem nächsten sagt, wenn man Gleichaltrigen beim Witzeerzählen oder Essen zusehen kann? 

Das hat auch Jean-Claude Juncker selbst erkannt und deshalb etwas Neues gewagt: Der Kommissionspräsident stellte sich live den Fragen von drei YouTubern. Dieses Format haben vor ihm bereits US-Präsident Barack Obama und Kanzlerin Angela Merkel erfolgreich ausprobiert: Obamas erstes YouTube-Interview 2015 wurde 3,7 Millionen Mal geklickt, Merkels Interview mit LeFloid sogar mehr als 5 Millionen Mal. Nun wollte also auch Juncker unter Beweis stellen, dass er es ernst meint mit Themen wie Jugend und Digitalisierung und den Sorgen der Jugendlichen – der so vielbeschworenen Zukunft Europas.

Schnell wird an diesem Abend klar: Der 61-jährige Kommissionschef bemüht sich sichtlich. Aber es ist nicht einfach damit getan, einen Plenarsaal gegen ein buntes Wohnzimmer oder störrische Ministerpräsidenten gegen hibbelige Internetstars zu tauschen. Als der 19-jährige YouTube-Star Jonas Ems (JONAS) Juncker fragt, was er über soziale Medien denkt, versucht es der Kommissionschef mit: "Da missfällt mir auch vieles, weil dieser Shit, der da verbreitet wird, eher nicht realitätskonform ist."

Juncker tut sich schwer damit, die eigenen Positionen an die sogenannten jungen Leute zu bringen. Während es geschickt gewesen sein mag, bei der Rede zur Lage der EU auf Pathos und Visionen zu verzichten, wäre ein engagiertes, dynamisches Auftreten auf YouTube genau richtig gewesen. Mit jeder weiteren Minute verfestigte sich jedoch der Eindruck, dass Juncker und damit auch europäische Politik einfach so ist, wie sie ist: nüchtern, verstaubt und oft weit weg.

Als Ems zum Beispiel nach drei Gründen fragt, warum junge Leute die EU gebrauchen können, beginnt Juncker erst mal in bekannter Brüsselmanier mit einer Vorbemerkung. Er sagt, dass seine Antwort für junge Menschen wenig einleuchtend klingen werde und breitet daraufhin die Geschichte seines verstorbenen Vaters und Weltkriegsveteranen aus, erzählt von der schrumpfenden Bevölkerung und verhungernden Kindern. Dabei will er nur sagen: Frieden, Zukunft und eine Verantwortung für die Welt.

So geht es etwa eine Stunde lang: Aufgeweckte und höchst professionelle YouTuber stellen ihm Fragen und Juncker beginnt lang und vor allem langsam, Binsenweisheiten zu erzählen. Man müsse sich engagieren, kritisch sein und die Menschen lieben.

Warum dürfen Homosexuelle nicht überall heiraten?

Dabei haben die YouTuber sehr wichtige und konkrete Anliegen, die sie von ihren zum Teil erst 13-jährigen Zuschauern mitgebracht haben: Warum können homosexuelle Partner nicht in ganz Europa heiraten, müssen wir Angst vor Terrorismus haben? Die zweite YouTuberin, Laetitia Birbes (Le Corps La Maison L'esprit Laetitia), zeigt bei manchen Themen eine Hartnäckigkeit, die manche Brüsseler Journalisten blass aussehen lassen. Sie will etwa wissen, warum die Kommission das Verbot bestimmter Umweltschadstoffe blockiert, wie Juncker als langjähriger Finanzminister einer Steueroase überzeugend für soziale Gerechtigkeit eintreten könne und ob Brüssel nicht vielmehr Politik für die Lobbyisten mache als für die einfachen Bürger mit weniger finanziellen Mitteln. Vor Junckers großväterlichem Ton knickt aber auch Birbes irgendwann ein und gibt kleinlaut bei: "Ich weiß gar nichts und deswegen bin ich hierher gekommen."

Privatleben bleibt tabu

Einzig dem dritten YouTuber, Łukasz Jakóbiak (20m2) gelingt es für einen kurzen Moment, Junker herauszufordern und eine ganz andere Seite herauszukehren. Ganz unverfänglich fragt er nach dem menschlichen, dem privaten Juncker. Dieser antwortet schlicht "nein", lehnt sich zurück und hält inne bevor er erklärt, dass er kein Filmstar sei und nicht wolle, dass die Menschen seine öffentliche und private Person vermischen würden.

Die Gespräche mit Juncker verdeutlichen, dass er ein Politiker der alten Stunde ist. Einer, der nicht für das stehen kann, was Menschen wie Ems, Birbes und Jakóbiak leben.

Aus Junckers Sicht ist der Abend ein großer Erfolg. Als ihn Jakóbiak dann noch um ein Gruppenselfie bittet, lächelt der Kommissionspräsident und schlägt erheitert vor, die Diskussion zu wiederholen. Sehr gerne wolle er häufiger mit jungen Menschen sprechen, am liebsten wieder mit den dreien – "vielleicht könnten wir das nächstes Jahr genauso machen, das fände ich wunderbar".