Während sich die Sonne an einem warmen Septemberabend über London senkt, erzählen vier Studenten in einem Pub von Jeremy, der echt nett sei; Jeremy, der wieder von den Medien fertiggemacht werde; Jeremy, dem sie ihre Sommerferien widmen. Die "Corbynistas" stellen jetzt die Mehrheit in der Partei, und sie betreiben einen Techno-Aktivismus im Namen von Corbyns neuem Sozialismus. Sie sammeln Politikvorschläge per Crowdsourcing, jagen Twitter-Hashtags wie #JezWeCan ins Netz und programmieren interaktive Grafiken. Eine Weile wurden sie von einer früheren Mitarbeiterin von Bernie Sanders beraten.

Auf die Frage, warum er sich für einen Mann begeistere, der sein Großvater sein könnte, antwortet der 20-jährige Student Mehdi Lari: "Dass Jeremy Corbyn und Bernie Sanders bei jungen Leuten so beliebt sind, zeigt, wie enttäuscht meine Generation von der Politik war. Seit Jeremy Parteichef ist, wird an meiner Universität viel mehr diskutiert, auch unter konservativen Studenten. Es ist ein riesiger Schub für die Protestbewegung. Labour steht jetzt nicht mehr für die neoliberale Linke, sondern für die echte Linke."

Lari träumt von einer Gesellschaft, in der das Studium nichts kostet, die Mieten erschwinglich sind und es sichere Jobs für alle gibt. Doch wie soll die entstehen, nun, da Großbritannien aus der EU austritt und über der Zukunft eine dunkle Wolkendecke von Risiken, Endlosverhandlungen und Streit hängt? Kann man in dieser Lage auf Corbyn setzen, den viele für den Brexit mitverantwortlich machen?

Die EU als neoliberaler Club

Neil Coyle war Mitglied im Schattenkabinett. Nach dem Brexit-Votum hat er seinen Posten aus Frust über den Parteichef abgegeben: "Als wir die Labour-Kampagne für den Verbleib in der EU gestartet haben, fehlte Jeremy, weil er im Urlaub war. Die wichtigste politische Frage seit Generationen hat ihn nicht interessiert. Bis heute hat er unseren Europaabgeordneten, die ihre Jobs verlieren werden, nicht geschrieben. Den Parteifreunden, die an der Kampagne für den Austritt beteiligt waren, hat er dafür gratuliert. Diesem Mann ist die EU egal!"

Auf die Frage, wie groß seine Leidenschaft für den Verbleib in Europa sei, antwortete Corbyn während der Referendumskampagne einmal: "7 oder 7,5 auf einer Skala bis 10." Er hält die EU für einen neoliberalen Club, der lieber Banken als Menschen rettet. Schwer vorzustellen, dass er eine starke Stimme für die 48 Prozent der Briten sein wird, die seit dem Brexit-Votum vom 23. Juni tief deprimiert sind.

Corbyn kann eine Dreiviertelstunde über die Folgen des Brexits reden, ohne eine klare Botschaft zu vermitteln. Im gläsernen Hauptquartier der Nachrichtenagentur Bloomberg forderte er bei einer Rede vergangene Woche erst die Mitsprache des Parlaments, dann will er das bedingungslose Grundeinkommen prüfen, dann warnt er vor den Folgen der Digitalisierung, schließlich empfiehlt er den Zugang zum EU-Binnenmarkt. Er rattert seine Sätze herunter, als müsse er sie loswerden. Trotz Anzug, Krawatte und Manuskript wirkt er wie ein Statist, der sich auf die Hauptbühne verirrt hat.

Trifft man in diesen Tagen Pro-EU Labour-Politiker scheinen sie aufgebracht, erschöpft, depressiv, ungläubig oder alles zugleich. Zwei Drittel der Mitglieder von Corbyns Schattenkabinett sind nach dem Referendum zurückgetreten und haben dadurch die Urwahl ausgelöst. Nach Corbyns Wiederwahl ist offen, wie der Graben zwischen Corbyns neuer Linker und dem desillusionierten Parteiestablishment geschlossen werden soll. Werden seine Kritiker zu ihm zurückkehren – oder wird er sie durch Unterstützer ersetzen? Wird sich die Partei zähneknirschend zusammenraufen – oder spalten? Und wie soll Labour in diesem Zustand eine starke Opposition zur Brexit-Regierung bilden?

Groß und ohnmächtig

In den landesweiten Umfragen liegt die Partei 14 Prozentpunkte hinter den Konservativen, der Beliebtheitswert von Corbyn liegt mehr als 30 Prozentpunkte hinter dem von Theresa May. Ein historischer Rekord. Die Chance, die nächste Wahl zu gewinnen, ist ungefähr so groß wie die Aussicht auf einen Exit vom Brexit. Für viele Funktionsträger ist Corbyn daher nicht der Retter, sondern der Untergang ihrer Partei.

Toby Harris, der Corbyn seit 30 Jahren kennt und im House of Lords sitzt, beschreibt die Lage illusionslos: "Ich mache mir Sorgen, ob Labour überlebt. Ob die Politik allgemein überlebt. Wir sind in einer schwierigen wirtschaftliche Lage, die durch den Brexit verschlimmert wird. In solchen Zeiten gewinnen radikale Gruppen Zuspruch, weil die Menschen das Gefühl haben, dass Konsenspolitik nichts bringt. Wir bräuchten jetzt Politiker, die über das hinauswirken, aber solche Leute fehlen uns. Es ist zutiefst deprimierend."

Unter Corbyn ist die Labour-Partei so groß, aber auch so ohnmächtig wie nie zuvor. Während Hunderttausende Aktivisten zu seinen Auftritten gehen, wenden sich 30 Millionen Wähler ab, die sich laut dem Umfrageinstitut YouGov in der Mitte verorten. Corbyns Weltbild vom bösen Kapitalismus und guten Arbeiter mag für eine Demonstration das Richtige sein. Für das Land, das seinen Platz nach dem Brexit-Schock neu finden muss, stellen sich ganz andere Fragen. Vielleicht ist der Traum der neuen Linken vor allem eines: der Wunsch, nicht aufzuwachen in der Realität.

Dieser Text ist eine aktualisierte Fassung des Artikels aus der Print-Ausgabe vom 22.9.2016.