Für Bundespräsident Joachim Gauck ist der Besuch in der Ukraine eine Reise zu den beinahe vergessenen Abgründen deutscher Schuld. Am 29. und 30. September 1941 töteten die deutschen Besatzer in der Schlucht Babyn Jar fast die ganze verbliebene jüdische Bevölkerung von Kiew. Mit Unterstützung der Wehrmacht ermordeten Männer einer SS-Sondereinheit 33.771 Juden – vor allem Frauen, Kinder und Greise. Mit Genickschuss. Nun, 75 Jahre später, hat Joachim Gauck bei einer Gedenkfeier in Kiew versucht, die richtigen Worte für dieses Verbrechen zu finden. 

Der Bundespräsident warnte in seiner Rede davor, die Augen vor Unrecht zu verschließen. "Eigener Schuld, eigenem Versagen nicht auszuweichen, ist ein generationsübergreifender Prozess", sagte Gauck. Diese Auseinandersetzung habe "Deutschland geprägt", dieser Prozess sei auch heute nicht abgeschlossen. "Im Bewusstsein dessen wenden wir uns immer wieder Opfern zu, die hilflos dem Unrecht, der Not und Verfolgung ausgesetzt waren oder sind."

Gauck verwies dabei insbesondere auf die heutige Ukraine. Den Ukrainern stehe es auch künftig zu, "souveräne Nation in einem Staat" zu sein, "dessen territoriale Integrität zu achten ist", sagte Gauck. Mit ihrem Einsatz für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hätten die Ukrainer sich "als Teil unserer europäischen Wertegemeinschaft" gezeigt: Die Europäer hätten "viel über die Ukraine als Nation und dabei manches über unsere eigene Rolle und Verantwortung erfahren".

Mit Blick auf die NS-Massenexekutionen in Babyn Jar sprach Gauck von einem einzigartigen Schreckensort. Der "nationalsozialistische Vernichtungswille" habe sich nicht mit dem Töten zufriedengegeben, "denn selbst die Erinnerung an sie (die Opfer) sollte getilgt werden".

"Wir sprechen von unermesslichem Leid und wir Deutschen von unermesslicher Schuld, wenn wir vor dem Abgrund der Schoah stehen", sagte Gauck. Es gebe jedoch "kein Nachdenken über die deutsche Schuld und die uns gemeinsame Geschichte" ohne diesen Blick in den Abgrund.

Babyn Jar steht für das schlimmste Massaker an Juden vor dem systematischen Massenmord in den NS-Vernichtungslagern. Gauck und der ukrainische Präsident Petro Poroschenko wollten am 75. Jahrestag am Ort der Verbrechen ein Zeichen setzen. Auch EU-Ratspräsident Donald Tusk nahm an der Gedenkveranstaltung teil.

Darüber hinaus wurde eine Vereinbarung zum Bau eines Ortes der Erinnerung an das Massaker unterzeichnet. "Zusammen bauen wir eine Ukraine, in der Antisemitismus keinen Platz hat", sagte Poroschenko im Beisein des Großrabbiners von Kiew und der Ukraine, Jaakov Dov Bleich. Die Organisatoren des Erinnerungsortes streben die Eröffnung des Zentrums für 2021 an, dem 80. Jahrestag des Massakers.