Der Anspruch, mit dem so viele von uns in Deutschland auf die Welt blicken, ist der von Menschen, die seit drei Generationen im Frieden leben, den andere garantiert haben. Die ein verwüstetes Land wiedererrichtet haben, dank der Billionen, die andere gezahlt haben. Und weil wir Deutschen so emsig aufgebaut, so gründlich aufgearbeitet und wegbewältigt haben, berührt es uns politisch und moralisch in besonderem Maße, wenn die Welt aus den Fugen gerät: Krieg in der Ukraine, der IS in Europa, ein türkischer Präsident außer Kontrolle und unzählige Flüchtlinge im Land.

Einige werden darüber zu Wutbürgern, die des Öfteren demonstrierend vor einem Flüchtlingsheim anzutreffen sind. Die meisten anderen aber nehmen Anteil, möchten auch etwas tun, stünde da nicht der Blick des aufgeklärten Bürgers in einer saturierten Demokratie im Weg.

Beim Lesen all der aufwühlenden Nachrichten geht die Ethik mit einem durch. Wir schauen doch auch, woher der Kaffee kommt oder die Bananen stammen, die Ausbeutung von Bauern in Ecuador möchte man nun wirklich nicht mittragen. Fleisch? Sollte schon bio sein. Über die umweltschädliche Plastiktütenobsession des türkischen Gemüsehändlers wird die Nase gerümpft. Und so würden wir gern Solidarität üben mit den Aufständischen dieser Welt, sie moralisch aus der Ferne unterstützen, und sei es mit einem wohlmeinenden Kopfnicken.

Allein: Wie könnten wir das nur guten Gewissens tun? Beim Kaffee ist es leicht: Da gibt es ein Siegel, das sagt, welcher Kaffee der gute ist. Bei Menschen wird die Sache komplizierter.

Die Ukraine feiert ihre Unabhängigkeit mit einer gigantischen Militärparade? Wie kann sie nur! Russische Oppositionelle schlagen nationalistische Töne an oder befürworten gar die Annexion der Krim? Die Russen, da sieht man es mal wieder! Mecklenburg-Vorpommern wählt mit über 20 Prozent die AfD? Der Urlaub an der Müritz wird stolz storniert! Die unterdrückten Burka-Frauen wollen nicht befreit werden? Dann muss man sie eben von der Straße verbannen! Die Aufzählung ließe sich endlos fortsetzen, wohl jeder von uns erwischt sich gelegentlich bei seiner inneren Skandalisierung. Kein Problem, denn wohl jeder besucht ja auch hin und wieder seinen inneren Stammtisch.

Problematisch wird es erst dann, wenn aus der Empörung die Überzeugung wird, dass die Welt am deutschen Vorbild genesen soll. Wenn das Anspruchsdenken des aufgeklärten Weltbürgers zum Filter des Weltgeschehens wird. Nennen wir dieses Phänomen den Randspalter: In Gedanken geht er das Weltgeschehen durch und notiert am Rand, was alles nicht hinzunehmen ist. Manchmal schreibt der Randspalter dann lange Kommentare und Posts, denn erst im Spiegel der Öffentlichkeit beginnt die eigene moralische Überlegenheit, so richtig zu glänzen.

Ganz schlecht ist alles, was nach Nationalismus riecht. Nationalismus muss man verurteilen, weltweit. Wen kann es da wundern, dass den Randspalter die Bilder vom Maidan befremdeten, auf denen Ukrainer ihre Flaggen hissten und stündlich ihre Hymne sangen? Das andere Übel heißt Religion. Man sieht ja in Syrien, was dabei rauskommt, wenn man religiöse Gruppen unterstützt. Religion ist ein fast so großes Übel wie der Nationalismus, nein, eigentlich gehen die beiden Hand in Hand, sie sind hässliche Geschwister. Wie könnte man sich mit diesem unaufgeklärten Archaismus gemein machen? Deshalb huldigt der Randspalter dem Säkularismus, der Ersatzreligion jener, die keine Missverständnisse aufkommen lassen wollen.