Optimisten und Pessimisten sterben gleichermaßen, aber sie leben anders, hat Schimon Peres einmal gesagt. Er zog das Dasein als Optimist vor. Dieser Charakterzug prägte ihn tatsächlich in vielerlei Hinsicht: als Politiker, der nie einen anderen Beruf ausübte, als ältester Staatspräsident der Welt, der seinen 90. Geburtstag im Amt feierte – und in den Jahren danach, während seiner unermüdlichen Aktivitäten in dem von ihm gegründeten und nach ihm benannten Friedenszentrum in Tel Aviv-Jaffa. Bis zu seinem Tod am frühen Mittwochmorgen im Alter von 93 Jahren haftete ihm das Image des unverbesserlichen Optimisten an – nicht immer zu seinem Vorteil. Wurde er im Ausland als Staatsmann gefeiert, wenn er von einem neuen Nahen Osten schwärmte, verspotteten ihn viele seine Landleute als Träumer.

Dass Peres aber sein Naturell durchaus mit Entschlossenheit zu paaren wusste, unterstrich zuletzt ein Eintrag im Logbuch der Militärarchive, der im Juli 2015 veröffentlicht wurde. Es ging um die Operation Entebbe am 4. Juli 1976, die spektakuläre Befreiungsaktion israelischer Geiseln in Uganda, nachdem ihr Flugzeug auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris entführt worden war. Schimon Peres, damals Verteidigungsminister, schob die Zweifel nach der Machbarkeit dieser gewagten militärischen Mission mit einer kurzen Notiz an den damaligen Premierminister Izchak Rabin beiseite: "Wie beginnt eine Mission? 1. Sie sagen, dass es unmöglich ist, 2. Der Zeitpunkt ist falsch, 3. Das Kabinett wird nicht zustimmen. Das einzige Problem, das ich gesehen habe und immer noch sehe, ist die Frage nach dem Ausgang." 

Peres war – anders als die meisten wichtigen Politiker seiner Generation – kein General, hatte aber oft Schlüsselfunktionen im zivilen Teil des Sicherheitsapparats inne. Dass er nie in der Armee gediente hatte, blieb sein Makel. Im Unabhängigkeitskrieg 1948 war er als junger Mann von seinem Mentor, dem Staatsgründer David Ben Gurion, ins Ausland geschickt worden, um für Waffennachschub zu sorgen. 

Seine Außenseiterrolle wurde noch durch die Tatsache bestärkt, dass er kein Sabre war, also kein Im-Land-Geborener. Schimon Peres kam 1923 als Szymon Perski in Polen auf die Welt. Seine Biografie ist dennoch eng mit der Geschichte Israels verbunden: Er gehörte der Gründergeneration an, eng verbunden mit der historischen Arbeitspartei. 

Vom unbeliebten Politiker zum Versöhner

Er war elf, als er mit seinem Vater Palästina erreichte. Seine Verwandten, die in seinem Heimatort Wiszniew (dem heutigen belarussischen Wischnewa) geblieben waren, wurden alle im Holocaust ermordet. Der neue Staat Israel war damals ein Land der Jungen, so wurde Peres mit 29 Jahren zum (immer noch jüngsten) Direktor des Verteidigungsministeriums ernannt. Ab 1959 saß er dann bis 2007 kontinuierlich als Abgeordneter in der Knesset (unterbrochen nur von einer dreimonatigen Pause im Jahr 2006). In dieser Zeit hatte Peres ein Dutzend Ministerposten inne und war auch zweimal Premierminister. Er wurde jedoch nie direkt in dieses Amt gewählt, sondern sprang ein: So war er es, der nach der Ermordung seines Parteikollegen Izchak Rabin das Amt übernahm, und dann – entgegen aller Erwartungen – bei den Wahlen 1996 gegen Benjamin Netanjahu verlor.

Das Verlieren gehörte zu seinem Karma: In Umfragen lag Peres oft vorne, wenn aber die Stimmzettel ausgezählt wurden, unterlag er. Diese Unbeliebtheit beim Volk – und auch bei seiner eigenen Partei – verfolgte ihn. Dennoch probierte er es immer wieder. Unvergessen bleibt sein Ausruf vor der versammelten Mitgliedschaft der Arbeitspartei: "Was, ich soll ein Verlierer sein?", hatte er sie 2007 gefragt, worauf ein kollektives "Ja" zurückschallte. Spät kam dann doch noch die Wende, allerdings nur beim zweiten Anlauf und erst nach dem Skandal um seinen Vorgänger Mosche Katzav: Schimon Peres wurde von der Knesset zum Staatspräsidenten gewählt. In dieser Funktion war er plötzlich geliebt und gefeiert. Auf einmal war er zum Versöhner geworden.     

Vor allem zu seinem langjährigen Parteirivalen Izchak Rabin hatte er viele Jahre lang eine schwierige Beziehung. Dieser verkörperte den Sabre und General, alles was Peres nicht war. Gemeinsam aber hatten sie in den 1990er Jahren ein neues Kapitel in der Politik gegenüber den Palästinensern aufgeschlagen. Auch Peres gehörte somit zu jenen, die sich mit der Zeit ideologisch von einem "Falken" zur "Taube" gewandelt hatten: So war er ein früher Befürworter des Siedlungsprojekts im Westjordanland, distanzierte sich dann aber auch als einer der ersten von ihm, indem er für den Dialog mit der PLO und für territoriale Kompromisse im Hinblick auf das besetzte Westjordanland und den Gazastreifen eintrat. Als Rabins Außenminister trieb er das im Geheimen ausgehandelte Osloer Abkommen mit voran. 1994 wurde ihm deshalb, zusammen mit Rabin und PLO-Chef Jassir Arafat, der Friedensnobelpreis verliehen.