Seit Wochen sitzen Hunderttausende Menschen im Ostteil der nordsyrischen Stadt Aleppo fest. Sie sind noch immer von der Versorgung mit Lebensmitteln, Medikamenten, Trinkwasser und Strom abgeschnitten. Denn die von Machthaber Baschar al-Assad und seinem Verbündeten Russland angekündigte Waffenruhe bleibt aus. Vielmehr gehen die Luftschläge auf das von Rebellen gehaltene Ost-Aleppo weiter. Die Rebellengruppen antworten mit Beschuss. Dazwischen ist die Lage für die Zivilisten zunehmend ausweglos.

Seit Anfang Februar schreibt uns der syrische Journalist Zouhir al-Shimale aus dem von Rebellen kontrollierten Bezirk Saif al-Dola in Aleppo. Seither stehen wir in regelmäßigem Kontakt. Nun hat er uns erneut eine E-Mail aus dem Krieg geschrieben, die wir hier veröffentlichen.

"Ich kann nachts nicht mehr schlafen. Ich höre immerzu den Lärm der Kampfflugzeuge und Helikopter. Manchmal fliegen sie einfach vorbei. Meistens aber bombardieren sie uns. Immer wieder fallen Bomben auf die Viertel um mich herum. Meine Straße ist zum Glück bisher verschont geblieben. Jede Nacht liege ich über Stunden zusammengekauert wach in meinem Bett. Ich habe Kopfschmerzen von den vielen Gedanken, die durch meinen Kopf jagen. Ich frage mich, wie meine, wie unsere Zukunft hier aussehen wird. Ich finde keine Antworten.

Der Journalist Zouhir al-Shimale © privat

Wir alle versuchen irgendwie durchzuhalten. Aber es wird immer schwieriger. Wir sind noch immer abgeschnitten vom Rest der Stadt, sodass nichts mehr zu uns reinkommt. Wir haben kaum noch Brot, Obst und Gemüse. Wir haben noch ein paar Reste Ziegenfleisch und das Gemüse, das die Bewohner hier selbst anbauen. Wasser holen wir aus dem Brunnen. Noch wurde er nicht zerschossen.

Ich lebe in einer Hölle, um mich herum sind nur noch Tod und Zerstörung. Nicht nur die Gebäude liegen in Schutt und Asche. Auch die Menschen um mich herum, die letzten Überlebenden, sind gebrochen vom täglichen Leid. Ihre Blicke durchbohren mich, Frauen, Kinder, sie alle haben diesen düsteren Blick, selbst wenn sie versuchen, zu lächeln. Sie gehen alle gebeugt. Ich glaube, die meisten wünschen sich, bald zu sterben. Sie wollen lieber tot sein, als noch länger in diesem Krieg ausharren zu müssen.

"Die meisten sind auf der Flucht umgekommen"

Vor ein paar Wochen hatten Assad und sein wichtigster Verbündeter Russland angekündigt, einen Fluchtkorridor für die Menschen aus Ost-Aleppo zu schaffen, damit sie fliehen können. Als der Ramouseh-Übergang kurzzeitig offen war, versuchten einige Nachbarn unser Viertel zu verlassen. Sie sind aus ihren Häusern gerannt, in der Hoffnung, aus dem Gefängnis, das Ost-Aleppo ist, endlich herauszukommen. Die meisten sind auf der Flucht umgekommen. Denn die Bombardierungen gingen weiter.

Auch als es wenige Tage später hieß, dass die Rebellen im Südwesten Aleppos vorgerückt seien, um den Belagerungsring zu durchbrechen, waren einige meiner Nachbarn in Hochstimmung. Sie sagten, wir hätten es endlich geschafft, die Rebellen würden nun die Verantwortung für uns übernehmen. Sie dachten, dass ihre Geduld, in dieser harten Zeit der Belagerung durchzuhalten, nicht umsonst gewesen sei. Sie vergaßen für ein paar Stunden sogar, dass sie kaum noch Brot für die nächsten Tage zu Hause hatten. Aber ihre Hoffnungen wurden schnell enttäuscht. Bald schon fielen so viele Bomben auf unsere Viertel wie selten zuvor. Babys weinten, Mütter kreischten in ihrer Panik, Männer schrien verzweifelt, weil sie nicht wussten, was sie tun sollten. Alle rannten auf die Straße. Dort versuchten Helfer, die Verwundeten und Leichen aus den Trümmern zu ziehen, doch immer mehr Häuser fielen in sich zusammen, andere brannten lichterloh. Ein paar Ältere erlitten Herzinfarkte.

Was wir in der Nacht schon ahnten, hat sich nun, wenige Wochen später, bestätigt: Nichts hat sich verändert. Die Belagerung hält weiter an, die Durchgänge sind dicht. Noch immer jagen jeden Tag Kampfflugzeuge über unsere Köpfe hinweg, dröhnt der Beschuss in unseren Ohren. Wir sind gefangen, und es gibt keinerlei Hilfe von außen.