"Aleppo wird ausgelöscht" – Seite 1

In der umkämpften syrischen Stadt Aleppo sind nach Angaben der UN knapp zwei Millionen Menschen von der Wasserversorgung abgeschnitten. Syrische Regierungstruppen hatten zuletzt mit Luftangriffen einen weiteren Teil der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht. Dabei soll nach Informationen von Unicef ein Wasserwerk beschädigt worden sein. Als Vergeltungsmaßnahme hätten die Rebellen eine Pumpanlage abgestellt. Bei den Angriffen kamen mindestens 27 Menschen ums Leben. 

Die Unicef-Vertreterin in Syrien, Hanaa Singer, sagte, durch die Luftangriffe sei zunächst das Wasserwerk Bab al-Nairab beschädigt worden. Dieses versorge rund 250.000 Menschen in den von den Rebellen gehaltenen östlichen Teilen der Stadt. Als Vergeltungsmaßnahme sei daraufhin die Pumpanlage Suleiman al-Halabi abgeschaltet worden, sagte Singer. Diese Anlage versorgt den Westteil der Stadt, befinde sich aber in den von Rebellen kontrollierten östlichen Bezirken. Damit seien rund 1,5 Millionen Menschen in den von den Regierungstruppen gehaltenen Teilen der Stadt von der Wasserversorgung abgeschnitten.

Im Nordosten von Aleppo nahmen Regierungstruppen das palästinensische Flüchtlingslager Handarat ein. Zudem flog die Armee Luftangriffe auf Stadtteile in Rebellenhand. Dabei wurden nach den allerdings kaum zu überprüfenden Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 52 Menschen getötet. Die sogenannten Lokalen Koordinationskomitees sprachen von 49 Toten. Insgesamt sind laut der Beobachtungsstelle seit Ende der Waffenruhe in Syrien 180 Menschen gestorben.

Aufgrund der zugespitzten Lage will der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am Sonntag zu einer Sitzung zusammenkommen. Nach UN-Angaben hatten Großbritannien, die USA und Frankreich das Treffen beantragt. Auch die Europäische Union rief erneut zu einer Rückkehr an den Verhandlungstisch auf. Die EU forderte, den ungehinderten und dauerhaften Zugang zu Hilfsbedürftigen zu gewährleisten und die Verhandlungen unter Schirmherrschaft der UN schnellstmöglich wieder aufzunehmen.

Berichte über bunkerbrechende Bomben

Einwohner berichteten, dass die jüngsten Luftschläge die schlimmsten seit der Eroberung von Teilen der Stadt durch die Rebellen im Jahr 2012 gewesen seien. "Aleppo wird ausgelöscht", sagte ein rechtsmedizinischer Experte in der Stadt, Mohammed Abu Dschaafar. Viele Gebäude seien vollständig dem Erdboden gleichgemacht worden. Bilder von Einschlägen zeigen Krater, die mehrere Meter tief sind. 

Der Chef der sogenannten Weißhelme, Ammar al-Selmo, sagte, seit Beginn der Luftangriffe am Freitag seien über 100 Menschen getötet worden. Die Zahl der Opfer wird aber vermutlich noch weiter steigen, da sich viele Verletzte in einem kritischen Zustand befanden. "Unsere Teams versuchen zu helfen, aber es sind nicht genug, um auf eine Katastrophe solchen Ausmaßes angemessen zu reagieren", sagte al-Selmo.

Syrische Regierung feiert Fortschritte

International wurde die syrische Offensive scharf verurteilt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ließ durch einen Sprecher erklären, er sei wegen der militärischen Eskalation in Aleppo entsetzt. Es sei "ein schwarzer Tag für das globale Bekenntnis zum Schutz von Zivilisten". Besonders scharf reagierte er auf Berichte, wonach die syrische Luftwaffe sogenannte bunkerbrechende Bomben einsetzt. Sie lassen mehrstöckige Gebäude wie Kartenhäuser zusammenfallen und zerstören selbst Keller. Der systematische Einsatz derartiger Waffen in dichtbesiedelten Gebieten käme einem Kriegsverbrechen gleich, sagte Ban.

US-Außenminister John Kerry, der mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow über eine Wiederbelebung der Waffenruhe diskutiert, bezeichnete das Bombardement als völlig inakzeptabel. Er forderte Russland auf, Frieden nach Syrien zu bringen, anstatt einen nicht zumutbaren Präzedenzfall für die gesamte Welt zu schaffen.

Die syrische Regierung glaubt nach Angaben ihres Außenministers an einen militärisch herbeigeführten Sieg. Die syrische Armee mache große Fortschritte "in ihrem Krieg gegen Terrorismus", sagte Walid al-Muallim vor der UN-Vollversammlung in New York. Die Regierung in Damaskus sei entschlossener denn je, den Terrorismus in ihrem Land zu eliminieren.

Aleppo war in den vergangenen Monaten ein Zentrum der Gefechte. Es ist das letzte größere städtische Gebiet, das von der Opposition kontrolliert wird. Eine Niederlage der Rebellen würde einen Wendepunkt im Konflikt markieren. Bislang wurden in dem Bürgerkrieg mehr als 300.000 Menschen getötet. Die Hälfte der syrischen Bevölkerung wurde aus ihren Häusern vertrieben. Am Montag war eine Feuerpause nach sieben Tagen nicht verlängert worden. Russland und die USA, die unterschiedliche Kriegsparteien unterstützen, konnten sich nicht auf eine erneute Waffenruhe einigen.