Ob die Feuerpause in Syrien dieses Mal hält? Nach fünfeinhalb Jahren Krieg, nach Hunderttausenden Toten und Millionen Vertriebenen fällt es schwer, das zu glauben. Der bisher letzte Versuch, unternommen im Februar dieses Jahres, wurde schon nach wenigen Tagen buchstäblich zerschossen.

Aber was bleibt der internationalen Diplomatie anderes übrig, als alles zu versuchen, dem Gemetzel – dem die Welt wie betäubt zusieht – ein Ende zu bereiten? Deshalb kann man nur wünschen und hoffen, dass die Bemühungen des amerikanischen Außenministers John Kerry und seines russischen Amtskollegen Sergej Lawrow diesmal erfolgreich sind. Auf Amerika und Russland nämlich kommt es an – und auf den Iran, die Türkei und Saudi-Arabien. Denn es sind ja nicht nur Assad und die Rebellen, die einander bekämpfen. Es sind auch nicht nur der "Islamische Staat" und Al-Kaida, die Mord und Terror nach Syrien tragen. Sie alle hätten dieses Land nicht in Trümmer legen können ohne die Groß- und Regionalmächte, die auf syrischem Boden ihre Stellvertreterkriege führen.

Nun sollen sieben Tage lang die Waffen schweigen. In dieser Atempause sollen die Menschen in den Kampfzonen mit dem Nötigsten versorgt werden, vor allem in Aleppo, wo schon einmal die Hoffnung keimte und es dann nur noch schrecklicher wurde.

Hält die Waffenruhe, dann wollen Amerikaner und Russen ihre Militäraktionen in Syrien künftig koordinieren. Nicht nur im Kampf gegen den IS wollen sie sich abstimmen. Auch die Islamistenmiliz "Front zur Eroberung der Levante" (Dschabhat Fatah al-Scham), den bis vor Kurzem unter dem Namen Al-Nusra bekannten Ableger von Al-Kaida in Syrien, wollen sie gemeinsam bekämpfen.

"Die Russen wollen Augenhöhe mit den Amerikanern"

Den Russen galt die Nusra-Front immer schon als genauso gefährlich wie der IS. Aber die von den USA im Kampf gegen Assad unterstützten "moderaten" Rebellen machten mit ihr gemeinsame Sache. Die Milizionäre der Nusra-Front hielten einige der am heftigsten umkämpften Fronten gegen das Regime in Damaskus.

In Washington gab es deswegen beträchtlichen Widerstand gegen die Vereinbarung mit Russland. Einem Bericht der Washington Post zufolge wehrten sich Verteidigungsminister Ashton Carter und Geheimdienstdirektor James Clapper gegen den Kurs von Außenminister Kerry.

Doch gerade die geplante militärische Koordinierung zwischen Amerikanern und Russen gibt Anlass zu vorsichtigem Optimismus. So sieht es auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Zwei Tage nach der Vereinbarung zwischen Kerry und Lawrow sitzen wir in seinem Büro am Werderschen Markt. "Die Russen wollen die Zusammenarbeit, um auf Augenhöhe mit den Amerikanern zu kommen", sagt Steinmeier. "Und die Amerikaner sind zur Zusammenarbeit nur bereit, wenn die Russen dafür sorgen, dass Assad den Waffenstillstand einhält."

John Kerry hat die Deutschen gebeten, in der arabischen Welt für das Abkommen zu werben. Steinmeier, der seit Jahren den Friedensprozess zu fördern versucht, will Kerry die Bitte gern erfüllen: "Wir werden heute noch mal viel telefonieren", sagt er am Montag dieser Woche.

Wie kompliziert die Friedenssuche sei, mache ein Vergleich mit der Ostukraine deutlich, sagt der Außenminister. Dort habe man es nur mit zwei Konfliktparteien zu tun. In Syrien aber gebe es rund hundert bewaffnete Gruppierungen. "Jede von denen hat die Möglichkeit, das Ganze platzen zu lassen."

Immerhin, einer der mächtigsten Akteure in Syrien, das Nachbarland Iran, hat erklärt, die Vereinbarung unterstützen zu wollen. Steinmeier hält das für glaubwürdig: "Iran und das Regime scheinen erst mal im Boot zu sein." Schwerer könnte es sein, Saudi-Arabien und die Golfstaaten an Bord zu holen, die viele der "moderaten" Rebellengruppen unterstützen.

Kann man Hoffnung haben? Ein wenig schon, meint Steinmeier. Aber die Vereinbarung zwischen Kerry und Lawrow sei nur der erste Schritt. Danach müssten die Gespräche über eine politische Lösung wiederaufgenommen werden. Immerhin: "Vor zwei Wochen hätte keiner einen Pfifferling für das Abkommen gegeben, jetzt ist es unter Dach und Fach. Und nach den ersten Botschaften, die wir aus der Region hören, gibt es jedenfalls eine Chance. Nicht mehr und nicht weniger."

Ein Hoffnungsfunke also. Aber warum musste überhaupt alles so weit kommen? Es wird ein langes Gespräch über die Versäumnisse und die Fehler, die der Westen schon vor zehn Jahren in Syrien gemacht hat, über den Arabischen Frühling, über Demonstranten und Demokraten. Steinmeiers persönliches, sehr deprimierendes Resümee: "Wir haben den Frieden in Syrien verloren, bevor der Krieg begonnen hat."