"Wenn ihr nicht gleich leiser seid, dann mache ich diesen Laden hier gleich dicht, Leute!", ruft Eyüp Burç seinen Mitarbeitern zu und lacht schelmisch. Der 51-jährige Programmchef des Istanbuler Nachrichtensenders İMC TV, gemütlicher Typ mit gutmütigem Gesicht und weißem Vollbart, versucht am Freitagnachmittag der ARD ein Interview zu geben. Aber im Sender herrscht reger Betrieb, viele Mitarbeiter sind gekommen, auch wenn sie keinen Dienst haben. Befreundete, meist kurdische Sender sind da, interviewen ihre Kollegen. Der Grund ist nicht sehr amüsant: Der Sendebetrieb von İMC TV soll auf Verfügung der türkischen Regierung eingestellt und das Inventar beschlagnahmt werden. "Kannst dir gern einen Stuhl mitnehmen!", sagt Burç – er hilft sich mit Humor.

Man wartet also auf die Polizei und sendet währenddessen einfach weiter: Israel hat Schmerzensgeld wegen des Mavi Marmara-Vorfalls gezahlt, bei dem israelische Soldaten neun Aktivisten einer türkischen Hilfsorganisation töteten; die Situation in Gefängnissen in der Provinz Şırnak; neue Kinofilme; und natürlich der Sender selbst ist großes Thema heute.

Die Schließung kann ganz schnell gehen

Man werde bis zur letzten Minute senden, sagen hier alle. Der Sender, mit 100 Mitarbeitern an den Standorten Istanbul, Ankara und Diyarnakır, hat gestern von den Absichten der Regierung erfahren: Der Name des Senders tauche in einer Liste der staatlichen Regulierungsbehörde RTÜK auf, so Burç, zusammen mit weiteren mehr als 20 Fernseh- und Radiosendern auf, die geschlossen werden sollen – alles per Verfügung. Der Grund steht auf einem Blatt Papier, das Eyüp Burç immer wieder auf- und wieder zusammenfaltet. Die Kopie einer Schließungsverfügung eines anderen Senders. "Wir werden wahrscheinlich bald ein ähnliches Schreiben erhalten", sagt er, aber noch liege nichts Offizielles vor.

Es geht im Wesentlichen darum, dass die betroffenen Medien eine Verbindung zu Organisationen haben sollen, die die "nationale Sicherheit" gefährdeten. Eine Schließung kann in diesen Tagen ganz schnell gehen – seit dem Putschversuch am 15. Juli herrscht der Ausnahmezustand im Land, der Staat sah sich empfindlich getroffen und regiert wird derzeit mit Dekreten. Als Drahtzieher des Putschversuches hat die Regierung von Staatspräsident Tayyip Erdoğan Anhänger der Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen ausgemacht. Es gibt viele Festnahmen und Suspendierungen von Mitarbeitern im öffentlichen Dienst. Sie gehen in die Zehntausende.

Ein Sender, der das Land erhellt

Für Burç ist das Ganze nur ein weiterer Schlag gegen die Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei. "Wir haben nichts mit dem Putsch zu tun. Im Gegenteil, wir haben ihn von Anfang an verurteilt. Es sind Leute wie wir, die meistens unter den Staatsstreichen in diesem Land gelitten haben", sagt er und meint damit: Linke und Kurden. Der Sender wird oft "prokurdisch" benannt, man selbst bevorzuge das Wort "unabhängig". "Es war unser Sender, der als einziger in der Putschnacht live von der Bombardierung des Parlaments in Ankara berichtet hat", sagt der Programmdirektor.

Tatsächlich hat sich İMC TV zu einem der wichtigsten alternativen Nachrichtensender in der Türkei entwickelt, der als einer der wenigen kritisch über die Lage im Südosten berichtet, wo es in den vergangenen Monaten erbitterte Kämpfe zwischen den staatlichen Sicherheitskräften und der PKK gab. Das dürfte nicht jedem in Staat und Regierung gefallen haben. Andererseits war sogar Oppositionsführer Kemal Kılıçdaroğlu, ein alter Bürokrat, also durch und durch Staat, zu Gast in den Programmen des Senders. Der Chef der alten Atatürk-Partei CHP ist ziemlich unverdächtig, Freund staatsfeindlicher Strukturen zu sein. Auch er kritisierte die Maßnahmen gegen İMC TV: Es sei einer der Sender, die das Land "erhellten", sagte er. Viele gute Journalisten, die nirgends wo sonst eingestellt wurden, bekamen hier Arbeit. Ein Ausweis des zunehmenden Drucks der Regierung auf die Presse.

Noch vor wenigen Monaten lief İMC TV auf dem staatlichen Satelliten Türksat. Damals war man nach eigener Auskunft im Ranking unter den 20 wichtigsten Nachrichtensendern immer unter den ersten fünf. Schließlich flog İMC TV zuerst vom Staatssatelliten und konnte nur noch über Hotbird und Internet empfangen werden. Am Freitag wurde nun zunächst die Website blockiert (mittlerweile ist sie unter einer neuen Adresse wieder zu erreichen).

"Der Putschversuch hat einen anderen Putsch geboren"

Für Burç geht es hier um etwas anderes, denn die nationale Sicherheit gefährde man ganz sicher nicht: "Der Putschversuch hat einen anderen Putsch geboren. Wir sind ein demokratisches und linkes Medium, das sich von den Mainstreammedien unterscheidet. Die sind in der Regel staatsergeben und nationalistisch. Wir stören bei der Etablierung eines autoritären Systems." Deshalb werde als Erstes versucht, diese "anderen" Stimmen zum Schweigen zu bringen. An der Absicht, İMC TV und andere Medien zu schließen, werde deutlich, dass sich der Putschversuch in diese Richtung entwickle. Nun passiere, was auch bei einem erfolgreichen Putschversuch passiert wäre. Was nur in der Welt habe ein kurdischer Kinderkanal mit dem Putschversuch zu tun? (Burç: "Unterstützt Tom und Jerry etwa den Putschgedanken?") Oder ein gewerkschaftsnaher Sender? Oder ein Sender der Aleviten? Auch sie sind von der derzeitigen Schließungswelle betroffen.

Wehren kann sich İMC TV wahrscheinlich nicht, der Weg zum türkischen Verfassungsgericht ist höchstwahrscheinlich gesperrt, darüber streiten sich die Juristen noch. Die einzige Möglichkeit ist der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. Glaubt Eyüp Burç, dass auch er festgenommen werden könnte wie so viele andere Kollegen in diesen Tagen? "Wenn ich so weiterrede wie jetzt, dann sicher."