Am Ende der Debatte bringt Donald Trump kaum noch einen geraden Satz heraus. Auf die Frage des Moderators, wie er die Vereinigten Staaten vor internationalen Hackerangriffen schützen wolle, faselt der Milliardär von seinem 10-jährigen Sohn, der sich bestens mit Computern auskenne. Nichts hängt mehr zusammen, nichts ergibt mehr einen Sinn. Hillary Clinton lächelt nur still. Sie weiß: Das Duell ist gelaufen.

Der Auftritt des republikanischen Präsidentschaftskandidaten während der ersten TV-Debatte des Wahlkampfs war erschreckend. Zwar war klar, dass Trump der Ex-Außenministerin Clinton inhaltlich nicht gewachsen ist und auch über weniger Debattenerfahrung verfügt als die Demokratin. Doch dass der zuletzt so siegessichere Immobilientycoon im Angesicht seiner Rivalin in diesem Maße in sich zusammenfallen würde, hat wohl kaum jemand erwartet. Trump hat die Debatte verloren – und das deutlich.

Im ersten Drittel der Debatte hält er sich noch gut: Wie immer wettert er gegen das politische Establishment, zu deren Galionsfigur er Clinton erklärt hat und schimpft auf die ökonomischen Versäumnisse der Obama-Jahre. Doch Clinton lässt sich von seinen wütenden Zwischenrufen nicht verunsichern. Sie rechnet den Millionen Amerikanern an den Fernsehern in aller Ruhe vor, dass Trumps Steuerpläne den Staat Milliarden kosten würden, während ihre eigenen Arbeitsmarktpläne dem Land Millionen gut bezahlter Jobs einbrächten. Und plötzlich geht es für Trump bergab.

Mit Clintons Souveränität hat Trump nicht gerechnet

Seine Argumente schrumpfen nach und nach auf Tweetlänge zusammen – er wirkt, als habe er mit Clintons Souveränität nicht gerechnet Als er fordert, man könne der Kriminalität in Amerikas Städten nur mit "Law and Order" (Gesetz und Ordnung) begegnen, nagelt sie ihn fest: "Wir können nicht einfach 'Law and Order' sagen, wir brauchen einen Plan.

Als Clinton Trump schließlich einen Rassisten nennt, weil er jahrelang behauptet hatte, Präsident Barack Obama sei nicht in den USA geboren worden und dann auch noch seine Haltung zum Irakkrieg kritisiert, ruft Trump nur noch: "Falsch, falsch, falsch." Etwas Anderes fällt ihm nicht mehr ein.

Zwar weiß Trump auf alle großen politischen Streitfragen mit einer knallharten Forderung zu antworten: Einwanderung? Grenzmauer bauen. Terrorismus? Den "Islamischen Staat" bombardieren. Wirtschaftskrise? Freihandel einschränken. Doch im direkten Duell mit einer der erfahrensten Politikerinnen des Landes wird klar, dass das nicht reicht. 

Wer zieht ins Weiße Haus ein?

Zahl der Wahlmänner, die Clinton und Trump laut aktuellen Umfragen in den einzelnen Bundesstaaten für sich gewinnen können.

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Viel eher ist sein Auftritt der Beweis dafür, dass sich akribische Vorbereitung und jahrelange Regierungserfahrung eben doch auszahlen: Während Trump noch vor der Debatte prahlte, dass er kein Training nötig habe, übte Clinton mit ihrem Team schon seit Wochen für den großen Auftritt. Das Ergebnis ist beeindruckend: Sie spricht genauso kenntnisreich über die Zentrifugen in iranischen Atomkraftwerken wie über die Lage der Inhaftierten in amerikanischen Gefängnissen. 

Fahrig, blass, schlaff

Und selbst mit Blick auf die für TV-Debatten so wichtige Körpersprache gewinnt Clinton nach der Hälfte der Debatte gegenüber dem Machokandidaten an Sicherheit. Sie wirkt gut gelaunt und hellwach, nichts ist mehr zu spüren von der Lungenentzündung, die Clinton noch vor zwei Wochen zu einer tagelangen Wahlkampfpause gezwungen hatte. Trump hingegen hängt im letzten Drittel der Debatte nur noch an seinem Podium, er ist blass, greift immer wieder nach dem Wasserglas. Mit jeder Minute wird deutlicher: Trump ist K.-o. 

Monatelang hatte Trump Clinton vorgeworfen, dass sie nicht das nötige Durchhaltevermögen für das Präsidentenamt besitze. Am Montagabend wird deutlich: Das Gegenteil ist der Fall. Trump demonstriert, dass sein Wahlsieg eine Gefahr für die USA wäre. Ein Mann, der sich so leicht aus der Fassung bringen lässt wie Trump, kann unter keinen Umständen Befehlshaber der stärksten Militärmacht der Welt werden. Zwar ist diese Einsicht nicht neu. Doch bestärkt Trumps fahriger Auftritt den Eindruck, dass der 70-Jährige dem Druck des Amtes nicht standhalten würde. Keine guten Voraussetzungen für die restlichen sechs Wochen des Wahlkampfs.

Blitzumfrage sieht Clinton vorn

Ist das Rennen ums Weiße Haus für Trump jetzt also gelaufen? Schließlich galt die erste TV-Debatte im Voraus laut zahlreichen Experten als wahlentscheidend. Trump jedoch widerlegt schon seit Wochen die Logik des politischen Geschäfts: Lag er nach den Parteitagen Ende Juli in Umfragen noch weit abgeschlagen hinter Clinton, kämpfte er sich zuletzt bis auf wenige Prozentpunkte an sie heran. Seit Beginn des Wahlkampfs wird er nicht an den gleichen Maßstäben gemessen wie seine Konkurrenten – seine Patzer und verbalen Attacken haben ihm bislang kaum geschadet. Auch ist unwahrscheinlich, dass seine treue Stammwählerschaft nun nur wegen des verpatzten Debattenauftritts von ihm abrückt.

Kritisch dürfte es für Trump eher mit Blick auf die noch unentschiedenen Wähler werden: Seine fahrige Performance vom Montag hat wohl kaum jemanden davon überzeugt, im November für ihn zu stimmen. Eine Blitzumfrage des TV-Senders CNN bestätigt den Verdacht – 62 Prozent der Zuschauer sehen Clinton als Gewinnerin der Debatte. Die wohl schlechteste Nachricht für Trump jedoch: Zwei weitere TV-Duelle gegen Clinton stehen ihm noch bevor.