In Venezuelas Hauptstadt Caracas haben Hunderttausende konservative Oppositionelle gegen die regierenden Sozialisten demonstriert. Mit ihrem Protest wollen sie ein Referendum über die Absetzung von Präsident Nicolás Maduro erzwingen. Im Zentrum von Caracas gingen nach Regierungsangaben auch rund 30.000 Menschen auf die Straße, um die Sozialisten um Maduro zu unterstützen. Ein Großaufgebot der Polizei hielt beide Lager auseinander.

Die Demonstration verlief offenbar weitgehend friedlich. Das Oppositionsbündnis MUD berichtete, Sicherheitskräfte hätten Tränengas auf Demonstranten gefeuert. Außerdem hätten Regierungsanhänger den Protestzug infiltriert, um zu provozieren und Unruhe zu stiften. In sozialen Netzwerken schrieben einige Oppositionelle, sie seien daran gehindert worden, mit Bussen zu der Demonstration zu gelangen. Nach Behördenangaben wurden drei Oppositionsführer festgenommen. Oppositionsführer Henrique Capriles sprach von zwei festgesetzten Bürgermeistern.


Oppositionssprecher Jesús Torrealba sprach nach Ende des Protests von der "größten Demonstration der letzten Jahrzehnte". An dem "historischen Marsch" im Osten der Stadt hätten zwischen 950.000 und 1,1 Millionen Menschen teilgenommen. Dieser Teil von Caracas gilt als Hochburg der Opposition. Weiß gekleidete Demonstranten schwenkten venezolanische Fahnen und trugen Plakate mit Slogans wie "Wechsel" oder "Referendum jetzt".

"Mehr als eine Million Menschen haben ein Referendum in diesem Jahr gefordert, um Schluss zu machen mit dem Mangel, der Inflation, der Unsicherheit und der politischen Verfolgung", sagte der oppositionelle Bürgermeister des Hauptstadtbezirks El Hatillo, David Smolansky. Die Frau des inhaftierten Oppositionsführers Leopoldo López, Lilian Tintori, sagte: "Tausende Venezolaner gehen für die Freiheit auf die Straße". Die Bürgermeisterin von San Cristóbal und Ehefrau des inhaftierten Oppositionellen Daniel Ceballos, Patricia Ceballos, sagte: "Die Regierung sät Angst und bereichert sich, während das Volk Hunger leidet."

An Maduro gerichtet riefen die Demonstranten: "Er wird fallen, diese Regierung wird fallen!" und "Venezuela verhungert". Offizielle Angaben zur Teilnehmerzahl lagen nicht vor, Medien schätzten sie auf mehrere Hunderttausend. "Entweder wir gehen demonstrieren oder wir verhungern", sagte die 53-jährige Demonstrantin Ana Gonzalez. "Die Regierung macht uns keine Angst mehr."

Wahlkommission verzögert Referendum

Im Zentrum von Caracas marschierten Tausende "Chavistas" mit roten Hemden und Kappen auf. Die Sozialisten sind nach Maduros Vorgänger Hugo Chávez benannt, der Venezuela von 1999 bis zu seinem Krebstod im Jahr 2013 als Präsident regierte. "Das Volk ist mit Dir", skandierte die Menge an Maduro gerichtet. Carolina Aponte, eine 37-jährige Hausfrau, sagte: "Wir sind hier, um die Revolution zu verteidigen."

Maduro schätzte die Zahl der Gegendemonstranten auf bis zu 30.000 "Heute haben wir einen Staatsstreich niedergeschlagen", rief er der Menge zu. "Sie sind erneut gescheitert. Der Sieg ist unser." Weiter kündigte Maduro an, er werde die Immunität der Abgeordneten des von der Opposition kontrollierten Parlaments per Dekret aufheben. "Ich bin entschlossen, das Vaterland und die Souveränität des venezolanischen Volkes mit allen Mitteln zu verteidigen."

Der Sozialist Maduro kämpft mit einer schweren Wirtschaftskrise. Begünstigt wurde sie durch den niedrigen Ölpreis, Folgen sind eine massive Inflation, schwere Versorgungsengpässen bei Grundnahrungsmitteln und Hygieneartikeln sowie ein besorgniserregender Anstieg der Kriminalität. Wegen der Krise schwindet in der Bevölkerung der Rückhalt für die seit 17 Jahren regierenden Sozialisten.

Die Opposition fordert Maduros Absetzung und hatte dazu im Mai 1,8 Millionen Unterschriften eingereicht, um eine Volksabstimmung zu erzwingen. Nur 200.000 Unterschriften wären nötig gewesen. Die nationale Wahlkommission gab Mitte August einen Zeitplan heraus, der die Durchführung eines Referendums über die Absetzung Maduros bis 2017 verzögern könnte.

Um den Druck aufrechtzuerhalten, rief die Opposition für kommenden Mittwoch und für den 14. September erneut zu Protesten auf. Venezuela habe gezeigt, dass es "einen Wandel" wolle, sagte Oppositionssprecher Torrealba. Die Opposition werde ihr Recht auf friedliche Demonstrationen wahrnehmen, bis sie ihr Ziel erreicht habe.