Das Sekundenvideo über den unwirklichen Pomp bei Staatsempfängen war sofort ein Hit. "Im Fernsehen sieht Ägypten aus wie Wien, wenn du aber auf die Straße gehst, sind wir wie Verwandte von Somalia", schimpfte der Tuk-Tuk-Fahrer im blau-weißen Hemd, der normalerweise mit seinem dreirädrigen Motortaxi durch die staubigen Kairoer Trabantenviertel knattert. "Bevor der Präsident gewählt wurde, hatten wir genug Zucker, Kaffee und Reis", setzte er vor der Fernsehkamera noch eins drauf, während ihn eine Menge nickend umringte.

Tagelang beschäftigte der Wutausbruch des Unbekannten die Gemüter in Ägypten. Endlich hatte jemand gewagt, seinem Frust über die Wirtschaftslage offenen Lauf zu lassen, in einer Nation, in der bisweilen schon ein kritisches T-Shirt oder ein Facebook-Kommentar die Bürger hinter Gitter bringen kann.

Denn seit Monaten eskaliert die übliche Alltagsmisere zu einem landesweiten Alptraum. Immer mehr Güter werden knapp und Woche um Woche verliert das einheimische Geld so rasant an Wert, dass jetzt selbst Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), von einer Währungskrise spricht, die dringend angepackt werden müsse.

Es brodelt im Volk

Bei dem Niedergang kommt vieles zusammen. Der Tourismus wirft kaum noch Devisen ab. Der vor einem Jahr für viel Geld erweiterte Sueskanal bringt nicht die erhofften Zusatzprofite. Ausländische Investoren haben genug. Und so liegt der Schwarzmarkt für den Euro inzwischen 40 bis 50 Prozent über dem offiziellen Kurs. Internationale Firmen können ihre lokalen Einnahmen nicht mehr in Devisen umtauschen. Fluggesellschaften wie die niederländische KLM haben den Ticketverkauf in ägyptischen Pfund bereits eingestellt und wollen Kairo von Januar an nicht mehr anfliegen. Die Lufthansa mit ihren 18 Verbindungen pro Woche erwägt ähnliche Schritte. Obendrein drückt die kürzlich eingeführte Mehrwertsteuer auf das Portemonnaie der Bürger, ebenso wie der Abbau der staatlichen Subventionen für Strom und demnächst auch für Sprit, wie sie der IWF verlangt.

Die Folgen für die Menschen sind hart und einschneidend, von denen schon jetzt die Hälfte arm oder sehr arm ist. Seit Jahresbeginn stiegen die Lebensmittelpreise um 20 bis 50 Prozent, immer mehr Familien müssen auch beim Essen sparen. Rund 1500 der 8000 gebräuchlichsten Medikamente sind aus den Regalen verschwunden. Einheimische Firmen stoppen ihre Produktion, weil sie keine Devisen mehr haben, um Vorprodukte oder Rohstoffe einzukaufen. Auch Autoersatzteile werden knapp. Beim Getreide ist die 90-Millionen-Nation der größte Importeur der Welt. Ägyptens Jahreseinfuhren beliefen sich zuletzt auf 60 Milliarden Dollar, exportiert dagegen wird nur für 20 Milliarden Dollar – eine Schere, die katastrophal auseinanderklafft.

Das Regime von Präsident Abdel Fattah al-Sissi weiß, dass es im Volk brodelt. Immer öfter und unverhohlener warnt Al-Sissi vor Unruhen. Mal lässt er seine Untertanen wissen, die Armee könne binnen sechs Stunden im gesamten Land aufmarschieren, "wenn etwas Falsches passiert". Mal warnen seine Mitstreiter vor Demonstrationen gegen die Preissteigerungen, wie sie in den sozialen Medien für den 11. November ausgerufen werden. Mal lassen sie an Brücken Plakate mit Durchhalteparolen aufhängen wie "Mutige Reformen verkürzen den Weg" oder "Wir müssen die Importe reduzieren".

Einschwören auf harte Zeiten

Denn auch der in Aussicht gestellte IWF-Milliardenkredit ist noch nicht in trockenen Tüchern. Für die ersten zwei der insgesamt 12 Milliarden Dollar muss Ägypten bei den ölreichen Golfarabern sechs Milliarden Kofinanzierung einwerben, von denen erst zwei Drittel zugesagt sind. Obendrein hat Kairo mit seiner Syrien-, Jemen- und Russlandpolitik den bisherigen Hauptgönner Saudi-Arabien tief verärgert. Im Oktober strich Riyadh wie aus heiterem Himmel die übliche Monatslieferung von 700.000 Tonnen Benzin, auch für November soll es offenbar nichts geben. Die Lücke muss Ägypten nun in aller Eile durch Zukäufe auf dem Weltmarkt schließen, was die klammen Devisenreserven weiter belastet.

Trotzdem versucht Präsident Al-Sissi, die Bevölkerung zu beruhigen und auf harte Zeiten einzuschwören. Er selbst habe zehn Jahre lang nichts als Wasser in seinem Kühlschrank gehabt und sich nie darüber beschwert, deklamierte der Ex-Feldmarschall kürzlich auf einer Jugendkonferenz in Sharm el-Sheikh. "Der Mann hat seinen Kühlschrank wohl mit der Waschmaschine verwechselt", höhnte es prompt zurück aus dem Internet.