Die "Hölle auf Erden" nennt UN-Nothilfekoordinator Stephen O'Brien Aleppo. Russische und syrische Kampfjets hatten am Wochenende zwei weitere große Kliniken im Ostteil der Stadt zerstört. Lediglich sechs Krankenhäuser sind in den belagerten Bezirken in der Stadt im Norden Syriens noch intakt, können Verwundete operieren und notdürftig versorgen. Durch das ständige Bombardement seien die Bewohner einem Ausmaß an Bestialität ausgesetzt, das "kein Mensch erleiden sollte", sagte O'Brien und forderte die Regierungen in Moskau und Damaskus erneut auf, die Gewalt sofort zu stoppen.

In den umzingelten Stadtteilen, die mit 70 Quadratkilometern eine Fläche etwa so groß wie Weimar oder Gießen haben, werden Wasser, Lebensmittel und Strom knapp. Die meisten Familien haben nur noch eine Mahlzeit pro Tag. Autos fahren nicht mehr, weil es kein Benzin mehr gibt und viele Straßen durch Schutt unpassierbar geworden sind.

Der Beschuss mit Bunkerbomben hat ganze Wohnblocks dem Erdboden gleichgemacht. Angesichts der Sprengkraft sind die Menschen auch in den Kellern der Gebäude ihres Lebens nicht sicher. Der Start des neuen Schuljahres wurde verschoben, ein Drittel der 320 Bombentoten während der letzten zehn Tage waren Kinder.

Hilfskonvois kommen nicht durch

Nach UN-Angaben steht die Gesundheitsversorgung für die rund 250.000 Menschen in dem Rebellenteil Aleppos vor dem totalen Kollaps. Lediglich 29 Ärzte sind noch im Einsatz, die praktisch rund um die Uhr arbeiten.

Die Europäische Union bot am Wochenende an, Verletzte aus Aleppo in Sicherheit zu bringen und – falls nötig – nach Europa auszufliegen. Zudem will sie Lebensmittel, Wasser und Medikamente in die belagerten Stadtviertel bringen. Ein Hilfskonvoi für 130.000 Menschen stehe dazu im westlichen Teil von Aleppo bereit, hieß es in Brüssel.

Doch davon will das Regime nichts wissen. Die Rebellen in Aleppo und den 15 anderen Hungerenklaven sollen zur Kapitulation gezwungen werden. Von den im September angemeldeten 30 UN-Hilfskonvois ließ Präsident Baschar al-Assad am Ende nur sechs passieren. Mehr als zehn Tonnen Medikamente, Verbandszeug und Klinikbedarf mussten die Helfer vorher wieder abladen. "Wir sind empört über die Blockade solcher medizinischer Standardausstattung", teilte das UN-Büro für humanitäre Hilfe mit.

Assads Soldaten rücken vor

In Aleppo forderte die syrische Armee die eingeschlossenen Rebellen auf, sich zu ergeben. Ihre Soldaten rückten zusammen mit Kämpfern der Hisbollah und irakischen Milizen von Norden und Süden her gegen die Gebiete der Aufständischen vor, unterstützt von permanenten Luftangriffen.

US-Außenminister John Kerry und sein russischer Amtskollege Sergej Lawrow telefonierten am Wochenende zweimal, um die Lage in Aleppo zu erörtern, jedoch ohne Ergebnis. Zuvor hatte Russland die Vereinigten Staaten in ultimativem Ton gewarnt, syrische Armeeeinheiten aus der Luft anzugreifen. Das werde "schreckliche tektonische Konsequenzen im gesamten Nahen Osten haben", hieß es aus dem Kreml.

Der britische Außenminister Boris Johnson hielt Russland entgegen, es laufe Gefahr, zu einem international geächteten Staat zu werden. Vor allem die sogenannten double-tap-Angriffe auf Aleppo seien ohne jeden Zweifel Kriegsverbrechen. Dabei bombardieren Kampfflugzeuge zunächst ein Wohnhaus oder Krankenhaus. Nach einer Weile kehren sie dann zu einer zweiten Attacke zurück, um auch möglichst viele der herbeigeeilten Helfer und Sanitäter zu töten.