Eigentlich ist die zweitgrößte Stadt Brasiliens für ihre Freizügigkeit bekannt – in Zukunft wird sie allerdings von einem Evangelikalen geführt, der aus seiner Homophobie keinen Hehl macht. Mit 59 Prozent der Stimmen setzte sich der Gospelsänger und Senator Marcelo Crivella in einer Stichwahl um das Bürgermeisteramt von Rio de Janeiro deutlich durch. Sein sozialistischer Rivale Marcelo Freixo erhielt nur 41 Prozent, teilte die Wahlbehörde mit.

Crivella ist unter anderem für seine religiösen Popsongs auf YouTube bekannt, in denen er harsche Kritik an Homosexuellen, Katholiken und Anhängern animistischer Religionen aus Afrika übt. In einem Buch, das er nach einem Missionseinsatz in Afrika schrieb, heißt es etwa, Schwule seien Opfer eines "schrecklichen Übels", die Römisch-Katholische Kirche "lehrt dämonische Doktrinen" und der Hinduismus und afrikanische Religionen beherbergten "unreine Geister".

Bei früheren Wahlen zu Bürgermeister- oder Gouverneursposten war Crivella stets gescheitert. Umfragen sahen ihn zuletzt aber als Favoriten der Cariocas, wie die Einwohner von Rio de Janeiro genannt werden. "Ich bete zu Gott, dass mein öffentliches Leben, so steinig es auch gewesen sein mag, allen Cariocas lehren kann, dass unsere Zeit immer dann kommt, wenn wir nicht aufgeben", sagte Crivella vor Anhängern.

Der 59-Jährige ist der Neffe von Edir Macedo, einem Unternehmer und Gründer der Freikirche Igreja Universal do Reino de Deus. Sie gilt als die größte Kirche innerhalb der Pfingstbewegung in Brasilien. Obwohl das Land weltweit noch immer den größten Anteil der Katholiken hat, bekommt die evangelikale Szene dort immer mehr Zulauf: Einer von fünf Einwohnern des 200-Millionen-Einwohner-Landes gehört der Bewegung inzwischen an.

Den Triumph Crivellas in der für Strandkultur und quirlige Karnevalsparaden bekannten Metropole am Zuckerhut werteten Beobachter als Ausdruck einer zunehmenden Hinwendung zum Konservatismus. Gegen die etablierten linksgerichteten Parteien richtet sich inmitten der schlimmsten Rezession seit Jahrzehnten ein breiter Unmut. Nach der Amtsenthebung von Dilma Rousseff als Präsidentin Ende August hatte die sozialistische Arbeiterpartei nach 13 Jahren in der Verantwortung den Machtverlust hinnehmen müssen.