Im Kommunistischen Manifest, das Marx und Engels 1848 veröffentlichten, findet sich die berühmte Passage: "Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen." Ersetzen wir "Bourgeoisie" durch "Volksrepublik China", so haben wir hier die treffendste Beschreibung der Politik des Pekinger Regimes.

Erst hat ihr unersättlicher Hunger nach Rohstoffen, Nahrungsmitteln und Energie die Chinesen in sämtliche Kontinente hinausgetrieben; rund um den Globus kratzten sie alles an Rohstoffen zusammen, dessen sie habhaft werden konnten: Kupfer, Eisenerz, Stahlschrott, Molybdän, Phosphate. Seit der Jahrtausendwende gingen sie mehr und mehr dazu über, Werkzeuge und Maschinen einzukaufen. Seit fünf oder sechs Jahren jedoch genügt ihnen dies nicht mehr – seitdem kaufen sie die Werke, in denen diese Werkzeuge und Maschinen hergestellt werden.

Im Jahr 2014 legten die Chinesen 20 Milliarden Dollar in der Europäischen Union an, davon den Löwenanteil in der Bundesrepublik. Insgesamt haben sie in Europa bisher 46 Milliarden Dollar angelegt; ihre eigenen Direktinvestitionen in Deutschland lagen 2014 nach deutschen Angaben bei etwa 2, nach chinesischen bei 6 Milliarden (deutsche Investitionen in China: rund 60 Milliarden Euro). Im ersten Halbjahr 2016 investierten sie 72 Milliarden Dollar in europäische Firmen, davon 10,8 Milliarden in 37 deutsche Unternehmen. Seit 2011 haben sie 190 deutsche Unternehmen aufgekauft oder sich bei ihnen eingekauft. Staatskonzerne machten den Anfang, private folgten, beide auf undurchsichtige Weise kräftig vom Staat flankiert und bezuschusst.

Hierzulande haben die Chinesen letzthin übernommen: den Maschinenbauer Kraus-Maffei (1,428 Milliarden Euro), den Computerhändler Medion und den Hamburger Chip-Hersteller NXP. Der Baukonzern Shanghai Yiqian Trading versuchte, den chronisch-defizitären Flughafen Frankfurt-Hahn zu übernehmen, um ihn zu einem Drehkreuz für chinesische Passagiere auszubauen. Das Geschäft kam nicht zustande, da sich der Interessent als zahlungsunfähiger Betrüger erwies (was die rheinland-pfälzische Landesregierung in eine politische Krise stürzte). Ein anderer Konzernherr, heißt es, will aus dem früheren Sowjetfliegerhorst Parchim ein Drehkreuz für Cargo machen.

Zunächst wurden sie mit offenen Armen empfangen. Manch einem schwächelnden Unternehmen halfen chinesische Investoren auf die Beine. Sie hielten Tarifverträge ein, setzten keine Arbeiter auf die Straße und blieben auch den althergebrachten Standorten treu. Doch je mehr sie sich bei ihren Aufkäufen von Zulieferfabriken auf Hochtechnologie-Unternehmen verlegten, desto größer wurden die Bedenken. Wird, in der Formulierung des Kommunistischen Manifestes, "der nationalen Industrie der Boden unter den Füßen weggezogen"?

Schwierigkeiten gab es dann aber bei drei Großtransaktionen. Die erste betraf den Augsburger Roboter-Hersteller Kuka, die zweite den Chip-Anlagenbauer Aixtron, die dritte den Leuchtmittelhersteller Osram.

Der chinesische Haushaltsgerätehersteller Midea stieg 2015 mit einem kleinen Anteil bei dem Augsburger Maschinenbauer Kuka ein. Für das Aushängeschild der deutschen Robotik und Logistiktechnik bot er im folgenden Frühjahr 4,5 Milliarden Euro, verschaffte sich dann jedoch auf dem Markt knapp 95 Prozent der Aktien – nachdem der Versuch der Bundesregierung und des EU-Kommissars Günther Oettinger fehlgeschlagen war, Kuka in deutschen oder europäischen Händen unterzubringen.

Auf Aixtron, den mit 670 Millionen bewerteten nordrhein-westfälischen Hersteller von Spezialmaschinen zur LED-Produktion, hatte Fujian Grand Chip schon länger ein Auge geworfen. Dann annullierte San'an Electronics, ein eng mit Fujian verbundenes Unternehmen und ebenfalls Empfänger von Regierungssubventionen, eine größere Order. Dies löste einen Absturz der Aixtron-Aktie aus, was natürlich den Verkaufspreis drückte. Dennoch erteilte das Bundeswirtschaftsministerium die Verkaufsgenehmigung – und zog sie kurz danach wieder zurück, als die Amerikaner auf eine Gefährdung westlicher Sicherheitsinteressen hinwiesen.

Der Konzern, der die Order annullierte, San'an Optoelectronics, gehört auch zu den Bietern für den Leuchtmittelhersteller Osram, eine Technologie-Schmiede, die mit 6 Milliarden Euro bewertet wird. Ein Verkauf wäre mit Abstand die größte chinesische Firmenübernahme in Deutschland. Wird die Bundesregierung sie zulassen? Könnte es auch hier Sicherheitsbedenken geben? Sie haben auch in Amerika und Australien schon zur Ablehnung mehrerer Großverkäufe geführt.

Die chinesischen Investitionen in deutsche Spitzentechnologie sind ein Thema, das den Bundeswirtschaftsminister bei seinem Besuch in Peking beschäftigen wird – neben der Überschwemmung Europas mit Stahl zu staatlich finanzierten Schleuderpreisen und der Frage, ob China die Zuerkennung des Marktwirtschaftsstatus wirklich schon verdient. Gabriels Gespräche werden nicht einfach. Es knirscht gewaltig in den deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen.

Hinzu kommt ja, dass sich deutsche Firmen in China zunehmend schwierigeren Bedingungen gegenübersehen. Es fehlt an Transparenz und vor allem an der von der Bundeskanzlerin schon mehrfach eingeklagten "Reziprozität" – Gegenseitigkeit des Markt- und Investitionszugangs, wirksamem Schutz geistigen Eigentums (Markenrechte, Patente, Daten); Vertragsfreiheit und Rechtssicherheit. Auch ist es ärgerlich, dass deutsche Firmen nach wie vor nur mit chinesischer Beteiligung Betriebe in der Volksrepublik betreiben dürfen (Joint-Venture-Zwang).

China ist unser größter Handelspartner außerhalb der Europäischen Union; Das Handelsvolumen lag 2015 bei 163 Milliarden Euro. Nicht nur für Volkswagen, sondern für viele der 5.000 in China tätigen Unternehmen ist der dortige Markt existenzsichernd. Das will niemand gefährden. Keiner will einen Handelskrieg. Andererseits können wir nicht darauf verzichten, im Handel und bei den Investitionsbeziehungen Fairness zu verlangen. Björn Konrad, der stellvertretende Direktor von Merics, dem renommierten Berliner China-Institut, fordert Deutschland und Europa denn auch auf, sich den "unangenehmen, aber unvermeidlichen Konfrontationen" zu stellen.

Vor seinem Abflug nach Peking kam der Bundeswirtschaftsminister dieser Aufforderung nach. "Reziprozität ist das Gebot der Stunde", schrieb Gabriel in der Welt. Es sei falsch, "sich in dieser Auseinandersetzung wegzuducken." Sein Warnschuss war unüberhörbar: "Nur wer sich wie eine Marktwirtschaft verhält, verdient auch diesen Status."

Bleibt er dabei, könnte es ungemütlich werden im deutsch-chinesischen Verhältnis.