Während diese Zeilen entstehen, wird irgendwo in der Welt an irgendeinem Platz in irgendeiner Stadt irgendjemandem ein Denkmal errichtet. Oder eine Straße wird umbenannt, fortan trägt sie den Namen eines bekannten Menschen, vermutlich eines Mannes.

Wessen gedacht wird, erzählt mehr über uns, die Gedenkenden, als über den mit Gedenken Bescherten. Die Wahl spiegelt immer den Zustand der Zeit wider. Wenn also in Russland ein Denkmal zu Ehren von Iwan dem Schrecklichen errichtet, wenn eine Büste für Josef Stalin eingeweiht wird (aber die Brücke, auf der der Oppositionspolitiker Boris Nemzow 2015 ermordet wurde, nicht nach ihm heißen darf) – dann zeigt sich, dass die Sehnsucht nach Rehabilitierung von Herrschern, die ihr eigenes Volk terrorisiert haben, recht lebendig ist.

Auch die Deutschen kennen die Sehnsucht nach zweifelhaften Figuren

Wenn in der Ukraine wieder mal eine Straße nach dem Kollaborateur Stepan Bandera benannt wird oder ihm ein meterhohes Denkmal gewidmet werden soll; wenn in Serbien der Attentäter Gavrilo Princip in Bronze gegossen, wenn in Ungarn der Reichsverweser Miklós Horthy, der mit den Faschisten paktiert hat, meterhoch erstrahlt (der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész, der den Holocaust überlebt hat, aber bisher nicht) – dann spricht das Bände über die serbische Perspektive auf den Ersten Weltkrieg und den ungarischen Blick auf die Weltkriege sowie die ukrainische Entscheidung, dem gewaltsamen nationalistischen und antisowjetischen Befreiungskampf zu huldigen – auch um den Preis verstörter Nachbarn und Bürger. Bandera hatte mit den Faschisten kollaboriert und der Kult um ihn birgt ein "antidemokratisches Potenzial", wie der ukrainische Historiker Andrij Portnow meint.

Nicht dass die Deutschen frei wären von der Sehnsucht nach zweifelhaften Figuren. "Die Zahl der deutschen Kriegerdenkmäler zur Zahl der deutschen Heine-Denkmäler verhält sich hierzulande wie die Macht zum Geist", hat Kurt Tucholsky geschrieben. Nur hat die Zeit der Adolf-Hitler-Plätze und Horst-Wessel-Straßen den Deutschen ihre Angewohnheit, den Zweifelhaften und Seelenfängern Denkmäler zu widmen, gründlich ausgetrieben. Obwohl es lange genug dauerte, bis so manche Kaserne bereit war, schließlich doch auf den Namen eines Nazigenerals zu verzichten. Ich bin übrigens nahe dem Hindenburgdamm groß geworden, noch so eine Verzichtbarkeit.  

Nun mag man argumentieren, dass diese Namen doch nur Zeugnisse ihrer Zeit, steingewordene Geschichte sind. Dass der Versuch aufzuräumen mit allem, was zweifelhaft und umstritten ist, einem Tugendfuror gleich käme. Na gut, einverstanden, dann eben Hindenburgdamm statt Hannah-Arendt-Straße! Aber was sagt das über eine Gesellschaft, wenn sie in den 2000er Jahren (und nicht etwa 1918 oder 1938 oder 1953) beschließt, Bandera und Stalin zu huldigen? Wenn sie weiß, welche zweifelhafte und gefährliche Rolle der erste in der Geschichte gespielt, wie viele Millionen Opfer der zweite zu verantworten hat? Das ist das eigentlich tief Verstörende: Alle historischen Fakten liegen auf dem Tisch – Denkmäler werden trotzdem gesetzt. 

Umstrittene Künstler, polarisierende Filmemacher – nur zu!

Nun ist so ein Denkmal mitnichten immer ein Ausdruck dafür, wie das Volk denkt oder was die Gesellschaft meint. In Russland gibt es unzählige Petitionen dafür, Stalin-Statuen zu errichten und unzählige Petitionen dagegen. Steine und Namen sind immer auch ein Ausdruck von Geschichtspolitik und bisweilen offenbar auch persönlichen Interessen: Im russischen Orjol hat der Gouverneur das Denkmal für Iwan den Schrecklichen eingeweiht, obwohl zahlreiche Bewohner protestiert haben; die Finanzierung des Denkmals bleibt so nebulös wie die Motive des Gouverneurs. Und doch ist Geschichtspolitik am Ende eben auch Sache der Wähler. Sie richtet sich an Adressaten, sie bestätigt eine Gesellschaft in ihren Vorstellungen, die Bürger zu prägen in der Lage sind. Auch Stein ist vergänglich.   

Dies ist kein Appell, Europa fortan zu einem Netz der Mutter-Teresa-Straßen zu machen, weil niemand sonst den hehren Ansprüchen gerecht würde. Umstrittene Künstler, polarisierende Filmemacher, bitte, nur zu – es reicht doch einfach, keine Kriegstreiber, Nazis, Antidemokraten oder Attentäter zu verehren. Wofür denn auch?

Wenn jetzt die Zeit neuer Feindseligkeiten, neuer Verrohung droht, warum nicht jene hochhalten, die die Ruhe bewahrt haben? Nicht die Namen großer Männer preisen, sondern meinetwegen die der vergessenen. Gern auch mal an die Taten von Frauen erinnern, denn auch sie haben Erstaunliches vollbracht, nur hat man leider verpasst, es zu erwähnen. Wem das alles zu viel Pathos ist, wer diese Form des Gedenkens ohnehin für antiquiert hält und findet, der öffentliche Raum ist kein Museum: Dürfte ich ein kleines Denkmal wählen, es gölte einer Katze, ganz postmodern, ganz kompostierbar. Inschrift: Sie macht den Menschen besser.