Ein Trump-Anhänger bei einer Veranstaltung im Oktober 2016 © [M] Gregg Newton/​AFP/​Getty Images

Angstpolitik

Im Dezember 2015 traf Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in South Carolina ein zwölfjähriges Mädchen. "Ich habe Angst", sagte das Mädchen zum Kandidaten und fragte: "Was wirst du tun, um das Land zu beschützen?" Trump antwortete: "Weißt du was, mein Schatz? Bald wirst du keine Angst mehr haben. Die anderen werden Angst haben."

Trumps Kampagne wird angetrieben von einer immer ängstlicheren und pessimistischeren Bevölkerung. Das ist unstrittig und mit etlichen Umfragen und Studien belegt. Vor zwei Jahren noch fürchtete ein Drittel der Amerikaner, Opfer eines Terrorangriffs zu werden, mittlerweile ist es über die Hälfte. 83 Prozent der Trump-Unterstützer sind der Meinung, das Land müsse vor äußeren Einflüssen besser beschützt werden, in der Gesamtbevölkerung sind es 55 Prozent.

Diese Ängste werden von Politikern genutzt und geschürt. Angstpolitik hat in den USA eine lange Tradition. Der Historiker Bernd Greiner spricht von "Generationen von Angstunternehmern". Deren Geschäft bestehe darin, "Unsicherheit in Angst zu verwandeln, abstrakte Risiken in akute Gefahren umzudeuten und Gefahren umstandslos als Bedrohung innerer oder äußerer Sicherheit aufzubauschen." Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg beschworen die Aktivisten der American Legion eine existenzielle linke Gefahr herauf und denunzierten jeden, den sie für unamerikanisch hielten. In den 1960er Jahren nahm der Republikaner Joseph McCarthy diese Vorlage auf und schürte die Kommunistenparanoia, um ordentlich aussortieren zu können. "Das Panikskript Donald Trumps ist also über 100 Jahre alt", schreibt Greiner.

Vom "paranoiden Stil in der amerikanischen Politik" schrieb der Historiker Richard Hofstadter in einem wegweisenden Essay 1964. Er machte die Ursprünge dieser Paranoia im 18. und 19. Jahrhundert aus, als sich in den USA die Angst vor den Illuminati und anderen Geheimbünden verbreitete, die die junge Demokratie angeblich von außen (europäische Mächte, später die UN) oder von innen (durch Jesuiten, Katholiken, Banker) zerstören wollten. Die Rechte in den USA machte sich diesen Horror vor dem antiamerikanischen "Antichrist" zu eigen. Hofstadter schreibt: "Der Paranoiker aber leidet doppelt, weil er nicht nur von der realen Welt wie der Rest von uns geplagt ist, sondern genauso auch von den eigenen Fantasien." Diese Fantasien können schnell apokalyptisch werden. Der Paranoiker "verhandelt die Geburt und den Tod ganzer Welten, ganzer politischer Ordnungen, ganzer Systeme menschlicher Werte. Immer besetzt er die Barrikaden der Zivilisation. Er lebt dauerhaft an einem Wendepunkt."

Dieses Muster ist es, an das Trump mit seiner ständig wiederholten Behauptung anknüpft: "America is going to hell." Wichtig sind dabei nicht die einzelnen Bedrohungen und ihr tatsächliches Ausmaß. Wichtig ist das apokalyptische Rauschen, das Trump im Kopf und im Bauch seiner Anhänger erzeugt, indem er ihre Sorgen und Unsicherheiten aufnimmt, übertreibt und so zum Endzeitszenario aufbläst.

Ein Nebeneffekt dieser Weltuntergangspolitik ist, dass daneben alles andere unwichtig erscheint. Rücksicht auf Minderheiten oder überhaupt auf Empfindlichkeiten derer, die irgendwie im Weg stehen, spielen keine Rolle mehr. Wenn die Apokalypse droht, müssen alle die Zähne zusammenbeißen, robuster sein. Aus dieser Perspektive wird zum nutzlosen Weichei, wer auf Political Correctness beharrt, statt sich den vermeintlich viel größeren Problemen zu widmen. Das erklärt, warum selbst Trumps jüngster und vielleicht heftigster Skandal, die beleidigenden Sprüche über Frauen ("grab her by the pussy"), seiner Kampagne nicht nachhaltig geschadet haben.

Manche halten Angst für den eigentlichen Kern des Konservatismus. Daran erinnert Molly Ball im Atlantic. "Die gemeinsame Basis all der verschiedenen Komponenten der konservativen Einstellung ist die allgemeine Anfälligkeit dafür, auf Ungewissheit mit Sorgen oder dem Gefühl der Bedrohung zu reagieren", schrieb der britische Psychologe G.D. Wilson 1973 in seinem Buch Die Psychologie des Konservatismus.

Der Philosoph Zygmunt Bauman macht diese Einstellung nicht nur bei Trump-Anhängern aus, sondern in allen westlichen Gesellschaften. Er hat dafür den Begriff Retrotopia erfunden. Weil es keine echten politischen Utopien mehr gibt, stürzt sich die Fantasie auf die Vergangenheit.

Wenn Angstpolitik eine Konstante der US-amerikanischen Geschichte ist, erklärt diese Deutung, wo die heutige Trumpsche Version herkommt. Warum sie gerade heute so mächtig wird, müssen andere Puzzleteile erklären.

Aussehen

"Der Weg ins Herz der Massen ist, nicht so zu tun, als wäre man wie sie", schreibt Ian Buruma. Trumps mächtige blonde Mähne, ebenso wie die ähnlich exzentrischen Haare von Boris Johnson, Geert Wilders und Silvio Berlusconi oder die prägnante Glatze von Pim Fortuyn werden so zu politisch wertvollen Merkwürdigkeiten. Sie zeigen: Diese Männer sind nicht wie alle anderen und wollen es auch gar nicht sein.

Die Inszenierung Trumps ist voller Gold und frivolem Prunk. Er steht für Männer, die es geschafft haben und auf Regeln nichts geben. Die nicht zum Establishment der Angepassten gehören, das so viele Wähler verachten. Sich über Äußerlichkeiten dieses Wahlkampf zu mokieren bringt deshalb nichts, schreibt Buruma. "Je mehr die cleveren Comedians aus New York ihn verspotten, desto mehr werden seine Fans ihn unterstützen."

Buruma behauptet nicht ernsthaft, dass Trumps Aussehen wahlentscheidend ist. Seine Deutung ist eher eine Variante der Debatte um kulturelle Dominanz und liberale Arroganz, beispielsweise gegenüber Hillbillys.