In Palm Beach im US-Bundesstaat Florida: Die Mikrofone warten auf Trump © [M] John Moore/Getty Images

Internet

Trump sei ein Social-Media-Genie, schreibt der Guardian. Seine Pöbeleien und knalligen Tweets passen zur Logik dieser Medien, in denen Zusammenhänge und Widersprüche kaum Platz haben. Twitter, Facebook und andere bieten Trump wie allen anderen die Möglichkeit, die herkömmlichen Medien zu umgehen. Zeitungen und Fernsehsender sind keine Gatekeeper mehr, Trump kann direkt zu Millionen Followern sprechen.

Die Bedeutung von Social Media in diesem Wahlkampf hat nicht nur Folgen für die Kanäle der politischen Kommunikation, sondern auch für ihren Inhalt, argumentiert Jill Lepore im New Yorker. "Demokratie braucht Zeit", schreibt die Historikerin. Social Media, so ihre These, ist zu schnell für echte Demokratie. "Es gibt einen Punkt, an dem die politische Kommunikation sich über das Maß hinaus beschleunigt, an dem demokratische Deliberation, die ehrliche Zustimmung der Regierten, überhaupt noch möglich ist." Urteile und Sofortumfragen, die schon auf unseren Bildschirmen aufpoppen, während wir noch versuchen, der eigentlichen Debatte zu folgen, "ermutigen zu hektischen und kleinteiligen Urteilen, genau das Gegenteil von dem, was gute Staatsbürgerschaft braucht."

Nun kann auch Lepore nicht sagen, welche Geschwindigkeit die politische Kommunikation verträgt – und ob es überhaupt einen Grenzwert gibt. Es gehört zu den Routinen der Kulturkritik, jede weitere Beschleunigung für die tödliche zu halten. Der Buchdruck, Romane, Comics, Radio, Fernsehen, Internet: Mit jedem neuen Medium kamen die entsprechenden Abgesänge auf die geistige Gesundheit der Menschen. "Das amerikanische Leben ist zu schnell", titelte die New York Times 1923. "Konzentration, Gründlichkeit, die stille Reflexion, die Urteile reifen lässt, ist heute schwerer als jemals zuvor."

Das Apokalyptische dieser Kritik muss man also nicht teilen, unbestreitbar ist allerdings, dass die Beschleunigung ein Ausmaß erreicht hat, welches das Verständnis von Komplexität und Zusammenhängen nicht fördert. Laut einer französischen Studie werden 59 Prozent der Links, die Menschen in den sozialen Medien teilen, vorher nicht einmal angeklickt. "Menschen sind eher bereit, einen Artikel zu teilen, als ihn zu lesen", schreibt der Autor der Studie.

Da Twitter und Facebook keine Nischenerscheinungen mehr sind, sondern Schrittmacher öffentlicher Debatten, setzt sich das dortige Desinteresse an Inhalten auch im Großen fort. Das hilft Akteuren wie Trump, mit Blödsinn und Widersprüchen davonzukommen. Denn die Erklärungen, die es braucht, um das aufzuzeigen, liest kaum noch jemand.

Hillbillys

Zwischen 1990 und 2013 ist die Sterblichkeitsrate von weißen US-Amerikanern im Alter von 45 bis 54 Jahren gestiegen – während sie bei US-Amerikanern spanischer Abstammung ebenso gesunken ist wie in quasi allen anderen industrialisierten Ländern. Grund dafür sind nicht etwa klassische Wohlstandskrankheiten wie Diabetes oder Herzprobleme, sondern Suizid, Drogenmissbrauch, Alkoholismus. Besonders hoch ist die Sterblichkeit unter denjenigen, die nur einen Highschoolabschluss haben und nicht studiert haben. Zwischen 2008 und 2013 hat sich die Zahl der Armen in den Vorstädten verdoppelt. Dort, wo die Weißen wohnen, die oft Anhänger der Republikaner sind.

"Niemand zieht die Anführer der beiden Parteien dafür zur Verantwortung", schreibt Salon.com, und wirft insbesondere den Republikanern vor, den Trend zur weißen Armut ignoriert und damit Trumps Aufstieg ermöglicht zu haben.

Dabei geht es nicht etwa um alle Weißen. Insgesamt verlieren sie ökonomisch nämlich nicht an Boden. Neue Zahlen zeigen beispielsweise, dass der Einkommensunterschied zwischen Weißen und Schwarzen so groß ist wie seit fast 40 Jahren nicht mehr: Weiße verdienen 26,7 Prozent mehr pro Stunde.

Es geht vielmehr um die Abgehängten unter den Weißen, die sogenannten Hillbillys. Der Autor J.D. Vance hat gerade ein Buch über sie geschrieben: Hillbilly: Memoiren einer Familie und einer Kultur in der Krise. Hillbilly lässt sich mit Hinterwäldler übersetzen und bezeichnet vor allem ungebildete, ärmere Weiße auf dem Land. "Diese Leute – meine Leute – mühen sich wirklich ab, und es gab seit sehr langer Zeit keinen politischen Kandidaten mehr, der ihre Sorgen angesprochen hat", sagt Vance im Interview mit The American Conservative. Er kommt selbst aus einer Hillbilly-Familie, hat aber den Sprung an die Eliteuni Yale geschafft. "Donald Trump versucht es zumindest."

Vance geht es dabei weniger um statistisch messbare Armut, sondern um die Ignoranz und die Verachtung, mit der der Rest des Landes die Hillbillys behandelt. Als white trash werden sie verspottet, weißer Abfall, eine Bezeichnung, die für jede andere Gruppe sofort geächtet würde. "Wenn man ein Angehöriger der weißen Elite ist, sind Arbeiterklassenweiße ein einfaches Ziel: Man muss sich nicht schuldig fühlen, weil man ja nicht rassistisch oder xenophob ist. Indem man auf Hillbillys herabschaut, kann man sich also das Hochgefühl von Selbstgerechtigkeit und Überlegenheit verschaffen, ohne die moralischen Normen der eigenen Gruppe zu verletzen. Die eigenen Vorurteile werden so nie als das sichtbar, was sie sind."

Republikaner wie Demokraten hätten Fehler gemacht, argumentiert Vance. Die einen hätten die Alltagssorgen dieser Milieus nur mit dem Versprechen größeren Wirtschaftswachstums beantwortet, die anderen hätten sie nur als Opfer der Umstände behandelt und nicht als eigenverantwortliche Subjekte wahrgenommen. Damit, so Vance, haben rechte und linke Politik zusammen das Abgleiten der Hillbillys in Paranoia und Passivität erleichtert.

Sarah Smarsh warnt im Guardian vor der Legende, "dass die Armen gefährliche Idioten sind". Sie weist darauf hin, dass sich in ihrem Heimatstaat, dem weißen, ländlichen Kansas, bei den Vorwahlen mehr Leute für Bernie Sanders als für Donald Trump ausgesprochen haben. Sie wirft liberalen Medien vor, die unterprivilegierte, weiße Bevölkerung in den ländlichen Regionen erst ignoriert zu haben, um ihr nun mit einer Mischung aus Mitleid und Anklage auch noch den Aufstieg Trumps in die Schuhe zu schieben.

Hinter diesen Deutungen verbergen sich letztlich Machtfragen. Warum waren all jene, um die sich Smarsh und Vance sorgen, die sie verspottet und ausgegrenzt sehen, politisch und öffentlich so lange so schlecht repräsentiert? Darauf müssen nicht nur Redaktionen Antworten finden, sondern vor allem Parteien, Demokraten wie Republikaner.

Konjunktur

"Die Obama-Clinton-Agenda aus besteuern, ausgeben und regulieren hat eine schweigende Nation arbeitsloser Amerikaner geschaffen", sagte Trump in einer wirtschaftspolitischen Rede. Wird er unterstützt, weil es den USA schlecht geht?

Die üblichen Kennzahlen bestätigen das nicht. Die Wachstumsraten des Bruttoinlandprodukts liegen seit der Finanzkrise beständig zwischen einem und vier Prozent, deutlich mehr als im Euroraum. Auch die Reallöhne steigen.

Doch diese Zahlen sagen wenig über Ungleichheiten zwischen verschiedenen Gruppen und noch weniger darüber, wie einzelne ihre Lage empfinden. Insgesamt stieg die Zahl der Armen im Land von den frühen 1970er Jahren bis 2014 von 25 Millionen auf 48 Millionen. Die Ungleichheit hat zugenommen, das reichste Prozent verfügt mittlerweile über 40 Prozent des Vermögens und 20 Prozent der Einkommen.

Das Wirtschaftssystem sei zu Ungunsten der normalen Amerikaner "manipuliert", sagt Trump immer wieder. 70 Prozent der Bürger stimmen dem zu. Sie wenden sich deshalb Kandidaten zu, die sie nicht als Teil dieses Systems wahrnehmen, und die versprechen, es zu reparieren. Bei den Demokraten war das der linke Senator Bernie Sanders, bei den Republikanern ist es Donald Trump.

Jüngste Zahlen scheinen nun  daraufhin zu weisen, dass es bergauf geht. 2015 stiegen die Einkommen der Mittelschicht in allen ethnischen Gruppen um 5,2 Prozent – so stark wie noch nie seit Beginn der Statistik in den 1960er Jahren. Und am unteren Ende der Skala haben die Ärmsten sogar noch deutlicher hinzugewonnen. Die Zahl der US-Amerikaner, die unterhalb der Armutsgrenze leben, ist innerhalb eines Jahres um 3,5 Millionen gesunken. Allerdings sind diese Veränderungen vor allem darin begründet, dass die US-Statistikbehörde ihre Erhebungsmethoden leicht geändert hat. Zieht man diesen Einfluss ab, bleiben von den 5,2 Prozent Einkommenswachstum nur noch 2 Prozent übrig.