Land gegen Stadt

Bei allen Präsidentschaftswahlen der vergangenen Jahrzehnte war die Karte der USA großflächig rot (Republikaner) gefärbt mit kleinen, blauen Sprengseln (Demokraten) an den Rändern. Das sind die Metropolen, in denen 62 Prozent der US-Amerikaner leben und in denen die Demokraten gewählt werden. Das dünn besiedelte Land wählt seit Jahrzehnten republikanisch. Darauf weist bei Cracked David Wong hin.

Der Unterschied zwischen Stadt und Land ist in den USA groß. Landbewohner besitzen mehr Waffen, heiraten jünger, trinken mehr Alkohol, nehmen aber weniger Drogen. Die Suizidrate junger Menschen ist auf dem Land doppelt so hoch wie in den Städten. Es gibt sogar Studien, die belegen, dass Menschen auf dem Land langsamer reden und langsamer gehen als Städter. 

US-Wahlergebnisse nach Counties (2012)

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Diese Unterschiede werden zum Problem, weil die Städte das Land dominieren, argumentiert Wong. "Die ganze verdammte Welt dreht sich um sie", schreibt er polemisch. Fernsehserien, Musik, selbst die Nachrichten – all das kommt nicht nur aus den Städten, es behandelt auch fast ausschließlich das Leben in den Städten. Wong kritisiert die vermeintliche Arroganz der Städter, sich selbst für den Fortschritt zu halten und die Menschen vom Land für Rückständige.

Hinzu kämen ökonomische Probleme. Auf dem Land ließe sich der Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft schlechter bewältigen, weil dazu die Bevölkerungsdichte nicht hoch genug sei, argumentiert Wong. Dazu passt, dass in den vergangenen Jahren der größte Teil des US-amerikanischen Wirtschaftswachstums in den Metropolen stattfand.

All das ist auch unabhängig von Trump richtig. Aber der Kandidat mobilisiert stärker als anderen Kandidaten den Ärger der Landbevölkerung angesichts dieser Ungleichheit. Er kann dabei an Stereotype  anknüpfen, die in der Populärkultur gepflegt werden: Gute, einfache Menschen vom Land kämpfen gegen verdorbene Herrscher aus der Stadt. Das ist die Geschichte von Game of Thrones, von Braveheart, von Hunger Games. Eine Frontstellung, die sich auch in der Diskussion um vermeintliche liberale Arroganz zeigt. Trump wird gewählt, weil er es der anderen Seite mal so richtig zeigt. "Jeder will ein Arschloch in seinem Team", schreibt Wong.

Zusammengenommen mit dem Gefühl einer bedrohten Heimat kann dieser Ansatz eine kulturelle Polarisierung beschreiben, die Trump bewusst vertieft, um sie sich zunutze zu machen.

Liberale Arroganz

Über den "selbstgefälligen Stil des amerikanischen Liberalismus" schreibt bei Vox Emmett Rensin. Er kritisiert, die Liberalen pflegten einen "herablassenden, defensiven Spott gegenüber allen Personen oder Bewegungen außerhalb ihres eigenen Konsens", und täten dabei so, als würden sie nur "das Monopol der Vernunft verteidigen".

Damit ist eine Haltung gemeint, die Konservatismus nicht für eine gleichberechtigte Haltung hält, sondern für eine Dummheit von Menschen, die es nicht besser wissen. Der belehrende und spöttische Ton, in dem Sendungen wie die Daily Show eine Zeitlang alles abhandelten, was dem liberalen Konsens widersprach, ist aus Rensins Sicht das beste Beispiel dafür. Auch früher habe es diesen Spott der liberalen Eliten gegeben, nur sei er eben auf Cocktailpartys beschränkt geblieben und sei nicht so dominant gewesen wie jetzt. Rensin glaubt, das liege auch daran, dass die Arbeiterklasse aus der demokratischen Partei verschwunden und die Partei so zu einem Club der liberalen Akademiker geworden sei.

Diese Deutung kann helfen zu verstehen, dass die politische Polarisierung, unter der die USA leiden, nicht nur von der Tea Party und anderen Protagonisten der Rechten ausgegangen ist. Auch der liberale Teil Amerikas hat dazu beigetragen.

In der New York Times beschreibt Nicholas Kristof sein Eingeständnis liberaler Intoleranz. Darin geht es um eine selektive Toleranz weißer, progressiver Amerikaner. Kristof schreibt: "Wir haben nichts gegen Menschen, die nicht aussehen wie wir, solange sie denken wie wir." Eine Studie der Stanford-Universität habe nachgewiesen, dass dieser "liberal bias" gerade an Universitäten existiert, dass dort liberal eingestellte Akademiker Vorteile hätten. Republikaner und Konservative im Allgemeinen haben schlechtere Jobchancen an den Unis. "Ich bin das Äquivalent von jemandem, der im Mississippi der fünfziger Jahre schwul war", wird ein konservativer Professor zitiert. Die "liberale Verzerrung" trägt zum Eindruck konservativer Milieus bei, schlecht repräsentiert zu sein und nicht als ebenbürtig akzeptiert zu werden.

Im New Yorker bringt Pankaj Mishra einen der größten Philosophen der Aufklärung in Stellung: "Wie Rousseau Trump vorhergesehen hat", lautet der Titel des Textes. Jean-Jacques Rousseau habe, selbst aus einfachen Verhältnissen stammend, die Bourgeoisie und das Milieu der vermögenden Intellektuellen verachtet. Mishra verweist auf Rousseaus "Abscheu für großstädtische Eitelkeit, sein Misstrauen gegenüber Technokraten und gegenüber dem internationalen Handel und sein Eintreten für traditionelle Sitten". Alles Dinge, die sich heute in den Wutreden von Trump-Anhängern auf "die da oben" in Washington und überhaupt die ganze Klasse der Experten und Globalisierungsgewinner, wiederfinden. Trump nutzt diese Frontstellung zwischen liberalen Intellektuellen und konservativen Amerikanern offensiver aus als je ein Kandidat zuvor.

"Rousseau scheint der zentrale Protagonist der antielitären Revolte zu sein, die derzeit unsere Politik umkrempelt", schreibt Mishra. Rousseau stellte die moralisch überlegene, weil ursprüngliche Landbevölkerung gegen den städtischen, verkommenen Moloch, in dem jeder nur an sich denkt. Die moderne Gesellschaft verderbe den guten Menschen, fand Rousseau. Das Ergebnis: "Ehre ohne Tugend, Verstand ohne Weisheit, und Vergnügen ohne Glück." Dahinter steht die Sehnsucht nach einem irgendwie unkorrumpierten Leben, das den gesellschaftlichen Überformungen entkommt und sich selbst genug ist.

Aus dieser Perspektive ist die Unterstützung für Trump das Aufbrechen eines chronischen Konflikts. Um zu verstehen, warum er jetzt und in dieser Form aufbricht, braucht es allerdings noch andere Analyseansätze. Beispielsweise zu Heimat, zur Stadt-Land-Spaltung, zur Polarisierung und zur Globalisierung.

Medien

Dass die Medien Trump geholfen haben, und zwar auf mehreren Wegen, darin sind sich fast alle Erklärungsversuche einig. Weil sie zu viel berichten oder auf die falsche Weise.

"Das Kabelfernsehen bekommt einfach nicht genug von Donald Trump", beschwerte sich das Wall Street Journal im September 2015. Der anschließend oft erhobene Vorwurf: Die exzessive Berichterstattung über jeden Auftritt und jeden neuen, unerhörten Satz des Kandidaten hätten diesen erst stark gemacht. Das sei kostenlose Werbung. Trump müsse keine Fernsehspots kaufen, da er ohnehin dauernd auf Sendung sei.

Trump hat dafür zwar kein Geld gezahlt, aber sehr wohl etwas getan: Er hat über Jahrzehnte an seinem Auftreten und seiner Bekanntheit gearbeitet. Bücher, Fernsehsendungen, PR-Stunts – "Aufmerksamkeit ist nicht kostenlos, wenn man für sie arbeitet", schreibt Jack Shafer bei Politico.

Eine Studie der Datenjournalisten von Data Face bestätigt, dass im Zeitraum Juli 2015 bis August 2016 auf den Websites von acht großen Medien deutlich mehr über Trump berichtet wurde als über Clinton. Der Abstand wuchs, je länger der Wahlkampf dauerte. Im August 2016 zählen sie 1.739 Berichte über Trump, aber nur 582 Berichte über Clinton.

Liberale Medien hätten versucht, Trumps innerparteiliche Konkurrenten zu stärken, klagt Matt Taibbi im Rolling Stone. Beispielsweise indem sie jeden kleinen Erfolg eines anderen Kandidaten im Vorwahlkampf zur vermeintlichen Kehrtwende ausriefen. So wurde schon der dritte Platz von Marco Rubio in Iowa zum vermeintlichen "Marcomentum", er zum "eigentlichen Sieger" und "zur letzten Hoffnung der Vernünftigen". Das verstärkte den Verdacht, dass die Medien aufseiten des Establishments stehen, und brachte Trump die Stimmen derjenigen ein, die sich nicht als "Unvernünftige" abkanzeln lassen wollten, nur weil sie nicht wählten, wie manche Journalisten das von ihnen erwarteten. Sechs Wochen später gab Rubio auf.

Es wird aber auch zum Problem, wenn Medien zu nett zu Trump sind. Der linke Kolumnist Paul Krugman kritisiert in der New York Times, zu viele Nachrichtenmedien hingen der Praxis an, beide Seiten gleich zu behandeln. Er schimpft auf "die fast pathologische Entschlossenheit, Politiker und ihre Programme als gleich gut oder gleich schlecht darzustellen, egal, wie lächerlich diese Vortäuschung wird." Im Atlantic wird das als "Er-sagt-sie-sagt"-Journalismus bezeichnet. Der Journalistikprofessor Jay Rosen erklärt es: "Es wird kein echter Versuch unternommen, sich widersprechende Aussagen zu beurteilen (...). Die Symmetrie der zwei Seiten, die gegenteilige Behauptungen aufstellen, lässt den Reporter in der Mitte zwischen polarisierten Extremen stehen." So wird die behauptete journalistische Objektivität durch simple Arithmetik scheinbar eingelöst. Indem man nun Trumps und Clintons Aussagen gleich behandelt, erhebt man Unwahrheiten und Beleidigungen zu gleichwertigen Debattenbeiträgen und verharmlost das Ausmaß der Trump'schen "Schrecklichkeit", argumentiert Krugman.

Die New York Times ist jüngst von diesem Prinzip abgerückt und hat auf ihrer Titelseite Trumps Aussagen "Lügen" und "bizarre Schwindeleien" genannt – nicht etwa in einem Kommentar, sondern in einer Analyse. Dinge beim Namen zu nennen und sie nicht durch scheinbar professionelle Distanz abmildern – auch so kann man journalistische Professionalität verstehen.

Gegen Krugman selbst und seine liberalen Mitstreiter gibt es auch einen bedenkenswerten Vorwurf, der allerdings nicht den Journalismus als Ganzes trifft. Die liberalen Lautsprecher hätten Trumps Aufstieg erleichtert, indem sie auch angeblich gemäßigte republikanische Präsidentschaftskandidaten in so drastischen Worten verteufelt hätten, dass nun die Öffentlichkeit nicht mehr richtig zuhöre, wenn vor Trump gewarnt werde. Die Öffentlichkeit sei abgestumpft, weil ja laut liberaler Medien "jeder republikanische Präsidentschaftskandidat eine Gefahr für die amerikanische Gesellschaft ist", wie die konservative Kolumnistin Karol Markowicz bei Daily Beast schimpft.

Krugman hatte 2012 den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney in zahllosen Kolumnen als "Scharlatan", "pathologisch unehrlich" und "nicht vertrauenswürdig" abgestempelt. Romney täte nicht mal so, als kümmere er sich um Arme, er wünsche sich, dass Menschen sterben, damit die Reichen reicher werden könnten, er sei "komplett amoralisch", ein "gefährlicher Dummkopf" und "ebenso ignorant wie gleichgültig". Eine rhetorische Eskalation, die nicht viel Raum ließ für die ganz andere Qualität Trumps.

Ob solche Urteile Trump etwas anhaben können, ist fraglich. Für ihn gilt offenbar die Formel: Aufmerksamkeit ist gleich politischer Erfolg. "Normalerweise kritisieren wir sie und dann verschwinden sie", sagt der Reporter Matt Taibbi über vermeintlich ungeeignete Kandidaten. Taibbi kommt zu dem Schluss, dass es nicht mehr um Inhalte oder Positionen gehe, sondern nur noch um die Show. "Trump hat die Schwachstelle im amerikanischen Todesstern gefunden", schreibt Taibbi. Die Medien "wissen nicht, wie sie die Kameras abschalten können, auch wenn sie ihren eigenen Untergang filmen".

Das hat nicht nur mit den schwierigen Produktionsbedingungen von Medien zu tun, sondern auch mit einer Öffentlichkeit, die ihre Struktur verändert. Die zunehmend postfaktisch funktioniert und von der Logik von Social Media im Internet bestimmt wird.