Bubba McDonald, ein Delegierter aus dem US-Bundesstaat Georgia, mit einer Trump-Maske auf dem republikanischen Parteitag © [M] Matt Rourke/AP Photo

Psychologie

In der LA Review of Books versucht sich Dan Auerbach an einer psychologischen Erklärung Trumps und seines Aufstiegs. Er erkennt beim Kandidaten ein überwältigendes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, ohne inhaltliches Ziel. Genauso wie bei Christian Moosbrugger aus Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften. "Im Zentrum von Moosbruggers Existenz ist nur ein großes Loch", schreibt Auerbach, und meint damit auch Trump. Deshalb habe dieser gar nicht den Anspruch, das Volk von etwas außer sich selbst zu überzeugen. "Weil er keine Prinzipien hat, kann er sie auch nicht verraten", schreibt Auerbach. Das macht Trump im Wahlkampf viel flexibler als klassische Politiker, weil er auf nichts verpflichtet werden kann. Außerdem kann Trump mit diesem Verhalten erfolgreich sein, weil nicht nur für ihn, sondern für die gesamte Gesellschaft Aufmerksamkeit zum Wert an sich geworden sei, argumentiert Auerbach. Trumps Prinzipienlosigkeit werde nicht mehr sanktioniert.

Der Schriftsteller George Saunders hat für den New Yorker viele Trump-Veranstaltungen besucht. Er versucht die Psychologie der Anhänger über deren direkte Umwelt zu erklären: die überdimensionierten und gesichtslosen Shoppingcenter in der Leere der amerikanischen Landschaft, in denen viele Amerikaner abseits der Metropolen ihre Zeit verbringen; öffentliche Orte, die keine sind. "Ich stellte mir einen Jugendlichen vor, der sich nur oder ausschließlich in diesen nichtssagenden, hellen Räumen bewegt hat, Räume, die konstruiert sind, um weit entfernten Profitinteressen zu nutzen. Und es kam mir der Gedanke, wie leicht es in so einem Leben wäre, sich machtlos zu fühlen, das Lokale als lahm zu empfinden, das Abstrakte als unwichtig und die Worte des Materialismus ("get" und "rise") für die einzig gültigen zu halten – Worte, die vom Kandidaten des Augenblicks perfekt verkörpert werden."

Saunders vermutet also, dass Trumps Aufstieg auch durch sozialpsychologische Schäden ermöglicht wurde, die die Konsumgesellschaft verursacht. Solche Deutungen müssen anekdotisch und spekulativ bleiben, weil sie sich empirisch kaum belegen oder messen lassen.

Polarisierung

Trump profitiert von einer Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft, die nicht sein Werk ist, sondern ein jahrzehntelanger Trend. Der Stanford-Ökonom Matthew Gentzkow hat dazu eindrucksvolle Statistiken zusammengestellt. Sie zeigen, dass die Anhänger von Republikanern und Demokraten in ihren politischen Standpunkten immer weiter auseinandergerückt sind und dass ihre Meinung über die jeweils andere Seite immer negativer geworden ist. Beispielsweise hielten 1960 nur gut 20 Prozent die Anhänger der jeweiligen Gegenseite für selbstsüchtig, 2008 waren es fast 50 Prozent. 1960 hatte kaum jemand ein Problem damit, falls das eigene Kind einen Anhänger der anderen Partei heiraten sollte. 2008 würden sich 19 Prozent der Demokraten und 26 Prozent der Republikaner darüber aufregen.

Ideologische Konsistenz

Die Grafik zeigt, wie sich die Werteeinstellungen von Parteianhängern entwickeln. Die konservativen Republikaner werden konservativer, die liberalen Demokraten werden liberaler.

Pew Research Center © ZEIT ONLINE

Zu welchem Anteil dieser Trend von den Parteien selbst ausgeht, beispielsweise von der Südstaatenstrategie der Republikaner und später der Tea Party, ist unklar. Klar ist allerdings, dass zumindest im Rennen um das Weiße Haus, also nach den gewonnenen Vorwahlen, ein Teil der Zustimmung für Trump den single issue voters zuzuschreiben ist. Das sind Wähler, denen einzelne Themen (Abtreibungsverbot, Waffenrecht) so wichtig sind, dass sie deswegen immer republikanisch und nie demokratisch wählen – egal wer Kandidat ist.

Auch der Medienkonsum spielt für die Polarisierung  eine Rolle. Die parteiischen, meinungsmachenden Kabelfernsehsender, allen voran Fox News, aber auch die parteiischen Talkradios, liefern den Lagern ihre jeweils eigene mediale Rundumversorgung und ungebrochene Weltsicht. Auch die Struktur der Internetöffentlichkeit mit ihren durch Filterblasen generierten Newsstreams fördert das entstehen von Echokammern, in denen Einzelne nur noch mit der eigenen Weltsicht und passenden Fakten umgeben sind.

Allerdings gibt es auch Studien, die dieses Szenario relativieren. So hat der Ökonom Gentzkow mit seinem Kollegen Jesse Shapiro 2011 festgestellt, dass der Onlinemedienkonsum von Konservativen nur zu 60 Prozent aus solchen Quellen besteht, die sich als konservativ einordnen lassen. 40 Prozent ihrer Quellen gehören also nicht eindeutig zum eigenen politischen Lager.

So politisch einseitig ist der Medienkonsum im Netz also nicht, zumindest über die klassischen Nachrichtenseiten. Beim Fernsehen beispielsweise ist die Spaltung deutlich stärker. Und die stärkste Trennung zwischen dem eigenen und dem anderen Lager praktizieren Menschen noch immer offline, also bei ihren Kontakten zu Freunden und Nachbarn jenseits des Internets. Das sind die tatsächlichen Echokammern. Im Internet hingegen "sind echte Echokammern bemerkenswert selten", schreibt Gentzkow. Er konnte zwischen 2004 und 2011 auch keine Zunahme der Polarisierung im Internet feststellen. Ob sich das seitdem geändert hat, ist unklar.

Möglich ist auch, dass längst nicht mehr die Websites selbst, sondern die Verbreitung von Beiträgen bei Facebook für eine postfaktische Öffentlichkeit und eine zunehmende Polarisierung verantwortlich sind.

Postfaktische Öffentlichkeit

87 Falschaussagen in fünf Tagen hat Politico bei Trump gefunden, die New York Times kommt auf 37 "dicke Lügen" in einer Woche.

Dass Trump chronisch Unwahrheiten nutzt, wenn sie zu seinem Vorteil ausfallen, ist bekannt. Mittlerweile gibt es auch eine Reihe von Beiträgen, die dahinter eine generelle Krise der Fakten oder der Rationalität in Debatten erkennen. "Das Zeitalter der Fakten ist vorbei", befand Jill Lepore im New Yorker, einen ähnlichen Ton schlugen Essays hier bei ZEIT ONLINE, im Spiegel, in der NZZ  und im Economist. Sie argumentieren, dass es einerseits keine Institutionen mehr gibt, die von allen als objektive Faktenlieferanten angesehen werden, weil auch große Teile der Wissenschaft längst als interessengeleitet, also politisiert, gelten. Und dass sich außerdem in der durch das Internet veränderten Öffentlichkeit Aussagen und Geschichten verbreiten, egal ob sie stimmen oder nicht. Attraktive Gerüchte finden ihr Publikum, die Berichtigungen eher nicht. Auf einer philosophischen Ebene hat außerdem die Postmoderne die Existenz von Fakten generell infrage gestellt und den Gedanken gestärkt, dass jede Erkenntnis subjektiv ist. Das alles sorgt dafür, dass es heute nicht mehr sanktioniert wird, wenn Menschen wie Trump öffentlich nachweislich die Unwahrheit sagen.

Buzzfeed und die New York Times berichten über das Phänomen der hyperparteiischen (hyperpartisan) Facebook-Seiten. Sie heißen Occupy Democrats (auf der linken Seite) oder Right Wing News (auf der rechten Seite) und versorgen ihre Leser mit einseitigen, zu Teilen falschen politischen Berichten, die in die jeweilige Weltsicht passen. Auf rechter Seite seien 38 Prozent der Beiträge entweder größtenteils falsch, oder zumindest eine Mischung aus wahr und falsch, hat eine Untersuchung von Buzzfeed von jeweils drei dieser Seiten ergeben. Auf linker Seite fallen 19 Prozent der Beiträge in diese Kategorien. Gerade diese Beiträge sind aber beim Publikum besonders erfolgreich. Buzzfeed schreibt: "Der beste Weg, im größten sozialen Netzwerk der Welt für politische Inhalte ein Publikum zu gewinnen und es zu vergrößern, ist faktische Berichterstattung zu vermeiden und stattdessen parteiische Vorurteile zu bedienen, indem man falsche oder irreführende Informationen nutzt, die den Leuten einfach nur das vermitteln, was sie hören wollen."

In diesem Phänomen kommt also einiges zusammen: eine veränderte Medienpraxis in einer durch das Internet neu strukturierten Öffentlichkeit, die wenig auf Fakten gibt und die Polarisierung vertieft.