Walentina in ihrer aus Trümmerteilen selbst gebauten Hütte © Florian Bachmaier für ZEIT ONLINE

Wenn Walentina um sechs Uhr früh aufsteht und die schweren Steinstufen hinauf ins Freie tritt, wird oft noch geschossen. Aber da wird es zumindest wieder hell, anders als im Keller, wo sie sich vor den Schüssen schützt und wo es den ganzen Tag über finster ist. Tagsüber höre der Beschuss dann sowieso wieder auf, sagt sie. Die Tür zur Holzhütte ächzt, sie heizt den Ofen ein.

Walentina, Ende 50, hat sich in der Normalität des Krieges eingerichtet. Sie wohnt in Spartak, einem Vorort von Donezk, in der sogenannten grauen Zone, wie das Frontgebiet zwischen der ukrainischen Armee und den prorussischen Separatisten genannt wird. Spartak wird von den Separatisten der selbst proklamierten Donezker Volksrepublik kontrolliert, doch 500 Meter im Norden, bereits in Sichtweite, weht schon die ukrainische Fahne. Die Häuser sind ausgebombt. Das Glas der Fenster ist unter dem Druck der Einschläge zerbrochen. Granatsplitter haben die bunten Gartenzäune durchlöchert, Unkraut überwuchert die Zufahrtsstraße.

"Die Kinder vermissen ihr Zuhause", sagt Walentina. Es klingt, als spreche sie von einem Ort fern ihrer Holzhütte, die sie aus den Resten von zerbombten Häusern, Wellblech und Planen gezimmert hat. Ein Ofen steht in der Mitte, auf dem sie jeden Morgen Tee für ihre Enkel kocht, bevor die zum Schulbus rennen. Dabei steht die Hütte mitten im Innenhof der Anlage, in der sie selbst ein Wohnung bewohnten. Ganz nah ist jener Keller, in dem sie jeden Abend vor dem Einschlafen mit den Kindern auf einem Laptop Zeichentrickfilme guckt. Das Zuhause liegt nur zwei Stockwerke darüber. Wo jetzt, im Oktober, schon die Kälte durch die zerborstenen Fenster kriecht. Ein Vorbote des Winters, ohne Strom, ohne Wasser, ohne Gas.

Der Krieg in der Ostukraine geht bereits ins dritte Jahr. Jeden Tag sterben Menschen entlang der Frontlinie, wenngleich meist Soldaten, und nur noch selten Zivilisten. Wenig Hoffnung auf einen dauerhaften Waffenstillstand hat auch der jüngste Ukraine-Gipfel in Berlin gebracht, bei dem sich erstmals seit einem Jahr wieder der ukrainische Präsident Petro Poroschenko und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin getroffen haben. Die Waffen schweigen auch seither nicht. Vor allem in der Nacht, wenn die Beobachter von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die den Minsker Friedensplan überwachen sollen, in ihre Stützpunkte zurückgekehrt sind, schwillt der Beschuss regelmäßig an.

Spartak war früher einmal ein beschauliches Dorf an den Ausläufern der Metropole Donezk, angebunden an den Nahverkehr, wo man aber trotzdem noch seine Tomaten ziehen und seine Hühner halten konnte. Knapp 2.000 Einwohner zählte Spartak vor dem Krieg, heute sind es keine 100 mehr. Geblieben ist, wer kein neues Leben, keine Perspektive oder keine Arbeit anderswo gefunden hat. Auch Heimkehrer gibt es in Spartak, die in die Ukraine oder nach Russland geflohen waren, um mit der bitteren Erkenntnis zurückzukehren: "Dort wartet doch auch niemand auf uns."

Wenige Autominuten später auf dem Weg ins Donezker Zentrum. Am Fenster ziehen stillgelegte Bahntrassen, eine verwaiste Autobahn und verlassene Schächte vorbei. Doch mit einem Schlag ist das Leben wieder da. Das Auto quält sich über Bremsschwellen, "Vorsicht, Kinder!", ist auf den Boden in einer Wohnsiedlung geschrieben. Schüler warten auf den Bus. Bald säumen auch schon wieder die zahlreichen sowjetisch anmutenden Plakate der Separatisten die Straße: "Die Republik im Herzen" oder "Wir gratulieren zur Befreiung der Stadt und des Donbass!" Immer öfter grüßt das Konterfei des Separatistenführers Alexander Sachartschenko die Passanten mit dem Spruch: "Der Donbass entscheidet selbst über seine Zukunft."

Im Donezker Zentrum, keine zehn Fahrminuten von Spartak entfernt, herrscht eine eigentümliche Normalität. Die Lenin-Statue blickt grimmig auf den rollenden Verkehr, die Fahnen der sogenannten Donezker Volksrepublik wehen im Wind. Die Gehsteige sind blank geputzt, Arbeiter kehren das Herbstlaub in den Parks zusammen. Im Kino laufen amerikanische Blockbuster und russische Komödien. Vor der Donezker Oper stehen die Polizisten mit ihren Warnwesten und strafen Autofahrer ab. Temposünder im Krieg.