Ab heute sind die Restaurants New Kaboul und Peace, Geschäfte mit so klingenden Namen wie Tiger Shop und auch der Jungle Boxing Club Geschichte: Frankreich hat begonnen, das Flüchtlingscamp von Calais mitsamt seiner selbst gezimmerten Betriebe aufzulösen. Am Montag transportierten Reisebusse Hunderte der insgesamt mehr als 6.000 Migranten in eigens errichtete Auffanglager.
Der sogenannte Dschungel von Calais symbolisierte wie kein zweites Camp in Europa die Unfähigkeit der EU, Flüchtlinge schnell und sicher zu versorgen und auf die einzelnen Mitgliedsländer aufzuteilen. Frankreich und England konnten sich nicht einigen, ob Väter und Söhne, Mütter und Töchter auf beiden Seiten des Atlantiks zusammengeführt werden sollen oder nicht. Calais reflektierte wie durch ein Brennglas die konfuse europäische Politik. Auch deshalb berichten heute mehr als 700 Journalisten aus aller Welt über das vorläufige Ende des Dschungels.
In Calais lebten Tausende Menschen in einem rechtlichen Niemandsland – mitten in Frankreich, mitten in einer touristischen Baderegion am Atlantik. Der französische Staat war so gut wie nicht präsent. So gründeten die Flüchtlinge selbst Geschäfte, Ehrenamtliche gaben Französischkurse oder unterrichteten die vielen Minderjährigen in den üblichen Schulfächern. Häufig kam es zu Streit oder Prügeleien unter den Migranten, die sich in vielen Fällen untereinander nicht verständigen konnten.
Vor allem die schwer traumatisiert aus Kriegsgebieten Geflüchteten litten unter der rauen Stimmung und Enge im Slum. Die Polizei gab heute an, in den vergangenen Jahren 38.000 Mal Tränengas versprüht zu haben, um "Aufstände niederzuschlagen" oder ungewollte Versammlungen zu beenden. Das Leben im Dschungel war so schwierig, dass mehr als 150 Menschen – vor allem aus Afghanistan und dem Irak – am Wochenende den französischen Behörden gegenüber bekundet haben, in ihre Heimatländer zurückkehren zu wollen.
Wohin sollen die Leute jetzt gehen?
Die meisten Bewohner des Dschungels kamen über Spanien oder Italien nach Calais – in der Hoffnung, per Schiff nach Großbritannien übersetzen zu können oder es durch den Tunnel unter dem Ärmelkanal zu erreichen. Mit jedem Jahr wuchs das Lager zu einer größeren Stadt, ohne dass es Straßen oder Strom für alle gegeben hätte. Bei jedem Regen flossen schlammige Bäche in die Zelte. In den Wohncontainern war es kaum besser. Dort lebten die Menschen zusammengepfercht wie Insassen eines Gefängnisses.
Auch deshalb sprachen sich viele humanitäre Organisationen dafür aus, die Siedlung aufzulösen – aber darüber, wohin ihre Bewohner nun gehen sollen, die aus Syrien, dem Irak, Afghanistan und vor allem dem Sudan nach Frankreich kamen, gibt es Streit. Der sozialistische Innenminister Bernard Cazeneuve verspricht eine "würdige Lösung im Einklang mit den Rechten von Flüchtlingen". Dazu sollen die 6.500 Migranten auf rund 450 sogenannte Orientierungszentren verteilt werden. Knapp 290 dieser Unterkünfte wurden eigens für die Flüchtlinge von Calais eröffnet. Erst in den Orientierungszentren werden ihre Asylanträge bearbeitet.
Manche Flüchtlinge werden in der Region bleiben
Manche Bürger und konservative Politiker sperren sich aber gegen diesen Plan. Wenige Monate vor den französischen Präsidentschaftswahlen ist der Dschungel ein Politikum. Der rechtsextreme Front National will den Barackenort zwar auflösen, versucht aber zugleich, andere Flüchtlingsheime zu verhindern. Im südfranzösischen Béziers etwa ließ der FN-Bürgermeister Plakate kleben, auf denen über einer unheilvollen Gruppe bärtiger Männer der Slogan prangt: "Die Migranten kommen – der Staat zwingt sie uns auf." Die oppositionellen Republikaner haben dazu aufgerufen, in den von ihnen regierten Städten keine Flüchtlinge aufzunehmen.
Die Stimmung ist aufgeheizt. Selbst in sehr kleinen Kommunen haben sich Bürgerinitiativen gebildet, die dagegen kämpfen, dass Flüchtlinge in ihrem Ort untergebracht werden – auch wenn nur wenige kommen sollen und obwohl die Orientierungscamps aus Paris bezahlt und organisiert werden. Südlich von Paris wurde ein bis dahin noch unbewohntes Flüchtlingsheim in Brand gesteckt, in anderen Unterkünften wurden Fassaden beschädigt oder mit ausländerfeindlichen Parolen beschmiert.
Auch in Calais wird es nicht ruhig bleiben. Rund 1.200 junge Menschen werden in der Stadt bleiben: Die Minderjährigen, die sobald wie möglich zu ihren Eltern reisen sollen, die häufig schon in Großbritannien sind. Andere Bewohner des Dschungels werden in der Region unterkommen wollen, um die Chance, über Calais nach Großbritannien zu gelangen, nicht zu verlieren. Flüchtlingsorganisationen bereiten sich deshalb darauf vor, wieder Decken und Zelte an den Einfallstraßen zu verteilen. Gut möglich, dass der Dschungel über die Jahre wieder anwachsen wird.