Es ist an einem Samstag, am heiligen Schabbat, als er über den Zaun springt, auf den Hintereingang des Fußballstadions zurennt und denkt: Jetzt bin ich am richtigen Ort. Das Spiel ist schon in vollem Gange und Dudi, ein vorlauter 13-Jähriger, lässt sich mit der grölenden Menge im Rücken von der Euphorie des Sieges mitreißen. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich als Teil einer Gemeinschaft. Als er den Spielern von Beitar Jerusalem dabei zusieht, wie sie ihre Gegner vom Club Haifa mit einem 2:1 in die Knie zwingen, weiß er, dass er endlich ein Zuhause gefunden hat. Und dass dieses Spiel sein Leben verändern wird.

Dudi Mizrahi lässt sich in einen Sessel fallen und atmet tief durch. Dieses erste Spiel vor 14 Jahren werde er nie vergessen, sagt er. Es ist Mittag, ein wolkenloser Tag im Spätsommer. Draußen schieben Frauen mit Kopftüchern und langen Röcken Kinderwagen durch die Straßen, Männer mit schwarzen Hüten laufen mit gesenktem Kopf vorüber. Drinnen lässt Mizrahi den Blick durch das spärlich möblierte Wohnzimmer seines Elternhauses schweifen. Auf dem Bücherregal stehen goldumrahmte Fotos seiner Großeltern, auf dem Fernsehbildschirm flackert ein Musikvideo, in dem sich Frauen in knappen Röcken auf einer Kühlerhaube räkeln.

Dudi Mizrahi vor seinem Elternhaus in Jerusalem © Andrea Backhaus

Mizrahi trägt ein Hemd, zerrissene Jeans und Sportschuhe, seine Stimme ist laut, er redet schnell und ohne Pause. Er hat ja auch viel zu erzählen. Mizrahi ist berühmt in Israel und im Westjordanland, seine Facebook-Posts bekommen Tausende Klicks, Dutzende Artikel wurden über ihn geschrieben, die Interview-Anfragen stauen sich im Postfach. Er fühle sich manchmal wie ein alter Mann, sagt Mizrahi. Mit 27 Jahren habe er so viel erlebt, wie andere in ihrem ganzen Leben nicht. Deshalb hat er zu sich eingeladen, in seinen Kiez. Er möchte seine Geschichte erzählen. Und sie beginnt hier, in Givat Shaul in West-Jerusalem, im Haus seiner Eltern.

Hier ist Mizrahi aufgewachsen, hier wurde er zum Helden jüdischer Rassisten und zum Schrecken arabischer Jugendlicher, dann zum Geächteten der Hooligans – und schließlich zum Star der Friedensbewegung.  

Aufstieg und Fall liegen nah beieinander in seiner Welt, in der alles aufs Engste miteinander verbunden ist: Frieden und Krieg, Freundschaft und Feindschaft, Hoffnung und Verzweiflung. Es ist ein explosives Umfeld, das wenig mehr kennt als Krieg, Racheakte und Ressentiments. Gerade in Jerusalem ist die Spaltung der israelischen Gesellschaft überall sichtbar: Juden und Araber leben meist in abgetrennten Sphären, sie wohnen in verschiedenen Vierteln und schicken ihre Kinder auf unterschiedliche Schulen. Es gibt zwar Friedensprojekte, doch versuchen viele Gruppen, ein harmonisches Zusammenleben zu verhindern. Immer wieder entbrennt die Gewalt. Es gibt wenige Orte auf der Welt, wo so viele Konfliktlinien parallel verlaufen, wie in Jerusalem.

Mizrahi wuchs während der zweiten Intifada auf. Fast jede Woche explodierten Bomben in Autos oder Bussen, die Angst vor Anschlägen der Palästinenser bestimmte den Alltag. Die Spannungen zwischen Juden und Arabern waren jederzeit zu spüren. "Es gab so viel Hass", sagt Mizrahi. Auch in seinem Viertel.

Er hat früh gelernt, sich zu schämen

Givat Shaul ist eine dichte Ansammlung von grauen Wohnblocks, Fabrikgebäuden und glanzlosen Einkaufszentren. Die Einwohner sind zum großen Teil Charedim, also ultraorthodoxe Juden sowie religiöse Zionisten, aus deren Mitte die Siedlerbewegung entstand. In Givat Shaul bestimmen Religion und Traditionen den Alltag, eine allzu liberale Lebensweise ist vielen Bewohnern suspekt. In den Jahren der Intifada münzten viele ihre nationalistischen Überzeugungen zur offenen Hetze um, gegen jeden, der anders war: gegen moderne Juden, säkulare Israelis, vor allem aber gegen Araber. Sie ließen Kinder wie Mizrahi in dem Glauben aufwachsen, dass alle Araber Terroristen seien.

Es sei niemand da gewesen, der ihm etwas anderes hätte sagen können, sagt Mizrahi heute. Seine Eltern haben sich nicht um ihn gekümmert. Sein Vater hat nur eine Hand, seine Mutter ist Epileptikerin, beide leben von Sozialhilfe. "Wir haben immer gekämpft", sagt Mizrahi. Er kümmerte sich um sie und die beiden Schwestern, oft bettelte er auf den Straßen seines Viertels. Mizrahi sagt, er habe früh gelernt, sich zu schämen. Und andere dafür zu hassen.

Dann gab es einen Brandanschlag auf eine Talmudschule, Mizrahi war zufällig in der Nähe. Er sah die Leichen der toten Kinder, die herausgetragen wurden, und wusste: Er muss etwas tun. Zu der Zeit war er auf einer Ganztagsschule für Jugendliche, deren Eltern zu sehr mit sich beschäftigt waren, wie Mizrahi das beschreibt. Immerhin erlaubten ihm die Erzieher, die Spiele von Beitar Jerusalem zu sehen. Er wurde zum Groupie des Clubs, sein größter Fan. Und Teil von La Familia.