Spät am Freitagnachmittag betritt Dr. Rafi Kishon, ein Tierarzt, der sich um die Gesundheit von Haustieren aller Art kümmert, die Bühne des Cameri-Theaters in Tel Aviv. Er wird über seinen Papa sprechen, einen Mann, der schon seit einiger Zeit nicht mehr unter den Lebenden weilt. Trotzdem, das belegt die Zahl der Menschen, die ins Theater strömt, sind es nicht gerade wenig Einwohner dieser Stadt, die sich für das Leben des Toten interessieren.

Langsam verlöschen die Lichter im Saal, und das Bild des späten Schimon Peres, Israels neuntem Präsidenten, erscheint auf der Leinwand. Über den Toten, den Humoristen Ephraim Kishon, sagt Peres: "Was Ephraim für die hebräische Sprache getan hat, hat niemand vor ihm geschafft." Als Beleg hierfür zitiert er den Titel eines Kishon-Buches: Pardon, wir haben gewonnen.

Viele Europäer würden sagen, dass ihre Liebe zu Israel auf Hass umschwenkte, nachdem Israel den Sechstagekrieg gewonnen hatte. Israel erschien ihnen nun nicht länger als Außenseiter, sondern als Tyrann, nicht mehr als Verlierer, sondern als Sieger. Bei ihnen entschuldigte sich Ephraim Kishon: Pardon, dass wir gewonnen haben.

Es ist unheimlich, den unerreichten und vom Frieden träumenden Schimon Peres nur wenige Tage nach seinem Ableben sprechen zu hören, einen Mann preisend, der das Träumen schon vor Langem aufgegeben hat.

Wie gelähmt sitze ich in meinem Sessel und frage mich, wer sich wohl als Nächstes fürs Gewinnen entschuldigen wird.

Wie es der Zufall will, fällt plötzlich der Videoprojektor aus. Rafi macht in ihn wieder an, aber er funktioniert nur für ein paar Minuten, bevor wieder ausgeht.

"Bei uns wurde Humor gemacht, nicht analysiert"

Dunkelheit.

So spielt das Leben eben im Cameri, einem der höchsten Heiligtümer in Israels Kulturlandschaft.

Während er versucht, den Beamer wieder zum Laufen zu bringen, unterhält Rafi das Publikum. Als er geboren wurde, erzählt er, habe sein Vater die grandiose Idee gehabt, ihm den Namen "Doktor" zu geben. Der Vater sei der Meinung gewesen, es würde seinem Sohn viele Jahre universitärer Studien ersparen, wenn er bereits von Geburt an "Doktor Kishon" wäre. Bedauerlicherweise weigerten sich die Behörden, "Doktor" als Vornamen anzuerkennen.

Dem Publikum gefällt das, und Rafi versucht weiter den Projektor zu reparieren.

Viel Glück.

Ich frage Rafi, ob er sich mit mir treffen würde, um vis-à-vis über seinen Vater zu sprechen. Erfreulicherweise willigt er ein, und wir treffen uns in einem hübschen Tel Aviver Café fernab der Bühne und schlecht funktionierenden Geräten.

Gibt es so etwas wie "jüdischen Humor", frage ich Rafi.

"Ja, sicher. Jüdischer Humor ist ein wesentlicher Bestandteil des jüdischen Erbguts."

Wie ist er da hineingekommen? Also, "historisch betrachtet", erklärt mir Rafi, "haben die Juden, weil sie schon seit jeher verfolgt wurden, den Humor entwickelt, um sich zu verteidigen, ein Werkzeug zum Überleben. Mit Beginn des Holocausts wurde mein Vater, ein stolzer Ungar, in ein Arbeitslager gebracht, und der einzige Weg zum Überleben führte über den Humor."

Heutzutage widerfahren den Menschen aus Syrien schreckliche Dinge. Glauben Sie, dass sie sich mit Humor über ihre Situation hinweg trösten?

"Ja."

Ist das derselbe Humor wie bei den Juden?

"Nein."

Warum nicht?

"Es fällt mir schwer, diese Frage zu beantworten. Bei uns in der Familie wurde Humor gemacht, nicht analysiert. Mein Vater sagte mir immer: 'Es gibt nichts Langweiligeres auf der Welt als Leute, die versuchen, Humor zu erklären.'"