Tausende Menschen machen sich bereit, die ersten der 60 Busse sind schon losgefahren: Am Montagmorgen hat die Räumung des Flüchtlingslagers im französischen Calais offiziell begonnen. Um Punkt acht Uhr öffneten die Tore eines improvisierten Transitzentrums, das einem riesigen Busbahnhof ähnelt. Es wurde eigens für die Räumung eingerichtet. Von dort sollen die Geflüchteten in den kommenden Tagen in Aufnahmezentren in verschiedenen Teilen Frankreichs gebracht werden. Es wird erwartet, dass schon heute bis zu 3.000 Menschen aus Calais abreisen werden. Die Busse werden bis Mittwoch im Dauereinsatz sein.

Schätzungen zufolge lebten in dem Lager, das von den Bewohnern "Dschungel" genannt wird, bis zu 10.000 Menschen. Die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan, Äthiopien, Eritrea und dem Sudan und wollten ursprünglich weiter nach Großbritannien. Jetzt sollen die Menschen wählen dürfen, in welche französische Region sie gebracht werden. Ausgenommen davon sind der Großraum Paris und Korsika.

Vor dem eingerichteten Versammlungspunkt nahe dem Camp warteten am frühen Morgen etwa 60 Geflüchtete, im Laufe des Vormittags waren es dann schon mehrere Hundert. Viele trugen Koffer und Kleiderbündel bei sich. Der Sprecher des Pariser Innenministeriums, Pierre-Henry Brandet, sagte, seine Regierung setze jetzt darauf, dass sich die Menschen freiwillig meldeten. "Keiner wird gezwungen, sich in einen Bus zu setzen."  

Menschenwürdige Unterbringung nur bei Asylantrag

In dem in Calais eingerichteten Registrierzentrum sollten die Menschen zunächst befragt werden, ein Asylverfahren solle dort aber noch nicht stattfinden. Das soll später erfolgen. Denn die Regierung hat mehrfach deutlich gemacht, dass für eine menschenwürdige Unterbringung ein Asylantrag gestellt werden muss. Wer kein Recht auf Asyl hat, soll ausgewiesen werden.

Unbegleitete Minderjährige, Familien und Kranke oder Schwangere werden getrennt registriert. Kinder und Jugendliche, die allein unterwegs sind, dürfen zunächst in Containern in Calais bleiben. Für ihr Aufnahmeverfahren gibt es besondere Regeln. Frankreich pocht auf eine Familienzusammenführung, wenn Angehörige bereits in Großbritannien leben. 

Seit Langem arbeiteten die Behörden mit Hilfsorganisationen zusammen, um die Menschen davon zu überzeugen, das Lager zu verlassen. Ziel der Regierung ist es, das Camp binnen einer Woche zu räumen. Dafür sind mehr als 1.200 Polizisten im Einsatz. Es sei heute noch nicht geplant, die Zelt- und Hüttensiedlung, in der zuletzt etwa 6.500 Menschen illegal lebten, noch am Montag einzureißen, sagte Brandet.

Die ersten Geflüchteten hatten den sogenannten Dschungel bereits vor einigen Tagen verlassen. Etwa 80 durften nach Lille fahren, wo sie an der Universität Französisch lernen sollen. Einige unbegleitete minderjährige Flüchtlinge durften legal in Großbritannien einreisen.

Doch es gibt auch Bewohner, die das Lager nicht verlassen wollen. Sie fürchten, dass sie dann keine Chance mehr haben, nach Großbritannien zu kommen. In der Nacht hatte es erneut gewaltsame Zusammenstöße zwischen Geflüchteten und der Polizei gegeben. Polizisten feuerten Tränengasgranaten an einer Umgehungsstraße des Hafens und im Lager ab, wo sie einigen Steine werfenden Flüchtlingen gegenüber standen.

Räumung birgt Risiken

Einige Bewohner haben Angst vor der Räumung, weil sie nicht wissen, was sie künftig erwartet. Andere fürchten, dass es nicht genügend Aufnahmeplätze gibt. Von Behördenseite wurde eingeräumt, dass die Auflösung der Hütten- und Zeltstadt Risiken birgt. Es wird befürchtet, dass schon am ersten Tag sehr viele Menschen an dem Sammelpunkt zusammenkommen. "Die Flüchtlinge denken, dass es nicht genug Platz gibt", sagte die Präfektin des Départements Pas-de-Calais, Fabienne Buccio. Der Eindruck sei jedoch nicht richtig, denn es stünden 7.500 Aufnahmeplätze zur Verfügung. 

Unter den Geflüchteten gibt es laut Buccio einen Bewusstseinswandel, denn die Lage am Ärmelkanal habe sich in den vergangenen Jahren grundsätzlich geändert. "Die Grenze zu Großbritannien ist dicht. Es ist sehr gefährlich, Kurs auf das Vereinigte Königreich zu nehmen, einige Migranten haben ihr Leben dabei verloren", sagte sie.