Im Jemen gehören Angst, Not und Armut zum Alltag. Keine Jobs, kein Geld für Einkäufe, dazu immer wieder Gefechte und Bombenangriffe – Folgen eines Kriegs, dem die Welt kaum Beachtung schenkt. Alle Augen scheinen auf Aleppo und die Schlacht um Mossul gerichtet zu sein. Dabei ist das Ausmaß der humanitären Katastrophe im Jemen womöglich noch größer als in Syrien und dem Irak. Allein am Wochenende gab es Dutzende zivile Opfer. Die Bundesregierung appellierte an die Konfliktparteien, die Gewalt zu beenden und Hilfe für die Bevölkerung zu ermöglichen.

Worum geht es in dem Konflikt?

Vor gut eineinhalb Jahren hat das benachbarte Saudi-Arabien in den jemenitischen Bürgerkrieg eingegriffen. Seitdem geht eine von Riad befehligte Koalition vor allem mit Luftschlägen gegen die aufständischen Huthi-Rebellen vor – ohne großen Erfolg. Dabei hatte die Golfmonarchie anfangs verkündet, der Feldzug werde allenfalls einige Wochen dauern. Das hat sich als Trugschluss erwiesen. 

Trotz des Einsatzes einer Militärmaschinerie konnten die Huthis nicht besiegt werden. Alle Friedensgespräche sind bisher gescheitert. Chaos und Gewalt haben inzwischen dazu geführt, dass sich der Staat weitgehend aufgelöst hat. Dieses Machtvakuum nutzen bewaffnete Stämme und Terrororganisationen wie Al-Kaida, um ihren Einfluss kontinuierlich auszuweiten. Die Gegenwehr ist gering. Expertin Mareike Transfeld ist überzeugt: "Es geht im Jemen nicht um Sunniten oder Schiiten. Ideologien und politische Visionen spielen kaum noch eine Rolle. Es geht allein um Macht." Und die Bevölkerung ist zum Spielball verschiedener Interessen geworden. "Das Leid der Menschen wird als Verhandlungsmasse missbraucht."

Wie ist die Lage der Bevölkerung?

Mit einem Wort: dramatisch. 4.000 Zivilisten sind bereits ums Leben gekommen. Dutzende Schulen, Märkte und Krankenhäuser wurden zerstört. Durchaus auch gezielt, wie Beobachter vermuten. Fast drei Millionen Jemeniten haben wegen der Kämpfe ihre Heimat verloren. Nur wenige konnten das Land verlassen.

Der Jemen liegt im Süden der Arabischen Halbinsel. Im Norden hält Saudi-Arabien die Grenzen dicht, im Osten Oman. Auch die Flucht übers Meer ist fast unmöglich. So hausen Frauen, Kinder und Männer unter katastrophalen Bedingungen in baufälligen Gebäuden, Garagen oder auf Feldern. Lebensmittel, Wasser, Medikamente – es fehlt an allem. Aber Güter gelangen nur sehr schwer ins Land, es gibt eine Seeblockade. Relativ gut organisierte Lager sind ebenfalls die große Ausnahme. "Die Bedürftigen unter diesen Bedingungen zu versorgen, ist extrem schwierig", sagt Wolfgang Prangl, Leiter der humanitären Hilfe bei Oxfam Deutschland. Außerdem gibt es keine Jobs. Viele Menschen haben also kein Einkommen, um sich zum Beispiel Nahrung zu kaufen – sie müssen hungern, sind unterernährt.

Der Jemen gilt schon lange als Armenhaus der arabischen Welt. Doch durch den Krieg ist alles viel schlimmer geworden. Drei Viertel der 27 Millionen Einwohner brauchen mittlerweile dringend Unterstützung. Schätzungsweise sieben Millionen Jemeniten hungern, unter ihnen viele Kinder. Anfang des Jahres verteilte das Welternährungsprogramm monatlich Lebensmittelrationen an drei Millionen Menschen. Heute sind es sechs Millionen. Die UN-Organisation kann zwar helfen, aber zu einem hohen Preis: Die Zuteilungen mussten aufgrund des großen Bedarfs halbiert werden – weil das Geld fehlt. "Eine ganze Generation könnte durch den Hunger gezeichnet werden", warnt Tom Due vom Welternährungsprogramm und appelliert an die Staatengemeinschaft, mehr Mittel zur Verfügung zu stellen. Doch die Aufmerksamkeit der Welt ist gering. "Die humanitäre Krise im Jemen wird von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen", sagt Wolfgang Prangl von Oxfam.

Was macht der Krieg mit den Kindern?

Von Saida Ahmad Baghili gibt es Fotos, die kaum zu ertragen sind. Sie zeigen eine 18-Jährige, die bis auf die Knochen abgemagert ist. Das Mädchen liegt auf einem Krankenbett und hofft, dass die Ärzte sie retten können. Hunderttausenden Kindern geht es ähnlich schlecht wie Saida. Laut Unicef leben sechs Millionen Heranwachsende in zum Teil bitterer Armut. 1,5 Millionen gelten als mangelernährt – davon 370.000 lebensbedrohlich. Doch den wenigsten kann geholfen werden. Jemens Gesundheitssystem ist durch den Krieg fast komplett zusammengebrochen. So können auch Durchfallerkrankungen wie Cholera – verursacht durch verunreinigtes Wasser und mangelnde Hygiene – nicht richtig behandelt werden.

Für geschwächte Kinder kann dies den Tod bedeuten. Hinzu kommt: Mehr als 200 Schulen sind durch Bombardements völlig zerstört, 1.100 beschädigt. Andere dienen als Notunterkünfte für Flüchtlinge oder werden von bewaffneten Gruppen besetzt. Für 350.000 Mädchen und Jungen heißt das, sie bekommen keinen Unterricht. Außerdem steigt die Zahl der Kindersoldaten. Nach Informationen von Unicef sind seit der Invasion der Saudis vor anderthalb Jahren mindestens 1.200 Jugendliche von verschiedenen Milizen rekrutiert worden.