Vor gut einem Jahr telefonierte ich zum ersten Mal mit Mahmoud, einem 46-jährigen Akademiker in der jemenitischen Hauptstadt Sana'a. Zu diesem Zeitpunkt hatten er, seine Frau und ihre vier Kinder sechs Monate Luftangriffe durch saudische Kampfbomber hinter sich. "Grüße aus dem vergessenen Krieg" – mit diesen Worten verabschiedete er sich damals.

Wir blieben in den folgenden Monaten lose in Kontakt zwischen Phasen der Hoffnung auf Friedensverhandlungen und immer neuen Rückschlägen. Nun ist etwas passiert, das diesen Krieg in die internationalen Schlagzeilen gebracht hat und womöglich eine dramatische Eskalation auslösen wird.

Am vergangenen Samstag griffen saudische Kampfflugzeuge eine Versammlung von Trauergästen bei der Beerdigung eines prominenten Scheichs in der Hauptstadt Sana'a an. Mindestens 140 Menschen kamen ums Leben. Beobachter fürchten, dass nach diesem Angriff die Chancen auf eine Verhandlungslösung endgültig zunichte gemacht worden sind. Offenbar in Reaktion auf das Massaker feuerten jemenitische Rebellen Raketen auf amerikanische Militärschiffe im Roten Meer ab. Diese bombardierten inzwischen ihrerseits Radarstellungen der Rebellen. Die USA haben damit zum ersten Mal aktiv in den Jemen-Krieg eingegriffen.

"Bedauerliche und schmerzvolle Bombardements"

Diese Woche meldete sich Mahmoud aus Sana'a telefonisch mit den lakonischen Worten: "Gerade alles ruhig hier. Wir sehen die Flugzeuge am Himmel aber sie greifen nicht an."

Er und seine Familie waren am vergangenen Samstag zu Hause gewesen, als sie die erste von mehreren Explosionen hörten. Als die Meldungen von dem Massaker über die Agenturen liefen, reagierte das saudische Königshaus zunächst mit einem Dementi, inzwischen hat Riad eine Untersuchung des "bedauerlichen und schmerzvollen Bombardements" angekündigt. Die US-Regierung, die die saudische Luftwaffe logistisch unterstützt, will ihre Hilfe nun einer Überprüfung unterziehen, um den Luftkrieg "besser mit US-Prinzipien, Werten und Interessen" in Einklang zu bringen. Washington hatte seine saudischen Verbündeten in den vergangenen Monaten immer wieder wegen der hohen Zahl getöteter Zivilisten kritisiert und dies mit saudischer Unfähigkeit im Umgang mit High-Tech-Waffen und fehlerhafter Aufklärung begründet. Das stimmt vermutlich in vielen Fällen. Doch in Sana'a, sagt Mahmoud, dessen vollen Namen wir aus Sicherheitsgründen nicht nennen, glaube kein Mensch, dass der Angriff vom Samstag ein Versehen war.  

"Niemals hätten wir gedacht, dass sie eine Trauergesellschaft bombardieren würden", sagt Mahmoud. "Aber offenbar war die Chance zu verlockend, so viele führende Persönlichkeiten der Huthi und anderer Regierungsgegner mit einem Schlag zu treffen. Es ist verheerend. Die Stadt ist immer noch unter Schock. Aber jetzt wird der Ruf nach Vergeltung immer lauter. Viele fordern jetzt zur Mobilisierung für den Kampf an der jemenitisch-saudischen Grenze auf." 

Keine Anzeichen für signifikante iranische Unterstützung

Was 2011 als Massenprotest gegen die jahrzehntelange Herrschaft des Diktators Ali Abdullah Salih begonnen hatte, droht zu einem regionalen Krieg zu werden. Dabei hätte man den Jemen-Konflikt ohne die saudische Intervention vermutlich noch eindämmen können.
Salih war nach schweren Auseinandersetzungen und auf Druck des Westens und der Golfstaaten tatsächlich abgetreten, hatte die Macht an seinen Vize Abd Rabbuh Mansour Hadi abgegeben, der jedoch weder die Armee noch die grassierende Korruption des alten Apparats unter Kontrolle bringen konnte. 2014 folgte die nächste Protestwelle, angeführt von der Volksgruppe der Huthis, deren militanter Flügel das Kommando übernahm, Hadis Regierung aus Sana'a und schließlich aus dem Land jagte – und sich mit dem aus dem Exil zurückgekehrten Salih zusammenschloss.

Dass die Huthis einer Untergruppe der Schiiten angehören, war für Saudi-Arabien Anlass genug, diesen durchweg jemenitischen Konflikt zu einem verkappten Angriff des Irans auf saudische Interessen zu erklären. Für signifikante iranische Unterstützung der Huthis gibt es bis heute keine Anzeichen. Doch im März 2015 begann der saudisch geführte Luftkrieg gegen die Huthis. Ein Blitzsieg sollte es werden, ein Krieg ohne absehbares Ende ist es geworden, dessen Chaos auch Al-Kaida und dem "Islamischen Staat" neue Aktionsfelder bietet.

"Riad", sagt Mahmoud, "betrachtet Jemen als seinen Hinterhof, in dem es machen kann, was es will. Und der Westen hat das akzeptiert."

Mehr noch: Er hilft tatkräftig mit.