Der jordanische König zeigte Flagge. Demonstrativ fuhr Abdullah II. nach dem Mord an dem Schriftsteller Nahed Hattar in dessen Dorf Al-Fuhais nahe der Hauptstadt Amman, um der Familie sein Beileid auszusprechen. "Jordaniens Muslime und Christen sind vereint im Kampf gegen Extremismus, Gewalt und Bigotterie", stellte der 54-Jährige klar. Die Tat des islamischen Fanatikers, der Hattar Ende September wegen einer geposteten Facebook-Karikatur auf offener Straße erschoss, verurteilte der Monarch als ein "widerliches Verbrechen, was unserer jordanischen Kultur fremd ist".

Doch Abdullah weiß, dass längst nicht alle seiner Untertanen so denken. Natürlich sei nicht jeder kaltblütig genug, eine Pistole zu zücken, kommentierte der bekannte liberale Blogger Naseem Tarawnah. "Aber eine große Zahl von Menschen unterstützt diesen Angriff und seine Motive." Umso mehr fühlt sich das Staatsoberhaupt in der Pflicht, dem islamischen Radikalismus entgegenzutreten und in seiner Heimat für ein tolerantes und aufgeklärtes Zusammenleben der Religionen zu werben. Dafür ehrt ihn die Stadt Münster an diesem Samstag mit dem Westfälischen Friedenspreis, den sich der Monarch mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste teilt.

"Sein Land ist umgeben von Krisen- und Kriegsgebieten. Er nimmt Flüchtlinge auf, obwohl es auch für sein relativ kleines Land eine große Belastung ist. Er lebt in einem offenen Austausch der Kulturen und der Demokratien. Aber viel wesentlicher ist es, dass er inmitten dieser Kriegsgebiete sein Volk im Frieden hält", begründete der Vorsitzende der Jury, Reinhard Zinkann, die Entscheidung. Die Laudatio hält Bundespräsident Joachim Gauck.

"Mauern sind keine Antwort"

Das haschemitische Herrscherhaus hielt stets engen Kontakt zu Europa und Amerika. Abdullah II. ist westlich geprägt, er lebte in England und den USA, studierte Politikwissenschaften in Oxford und Washington. 1993 heiratete er die Palästinenserin Rania Al-Yasin, mit der er vier Kinder hat, zwei Söhne und zwei Töchter. 1999 folgte er seinem an Krebs verstorbenen Vater Hussein auf den Thron, der Jordanien fast fünfzig Jahre lang regiert hatte. In einer Rede im Mai 2015 beim Aachener Karlspreis unterstrich Abdullah II. die gegenseitige Abhängigkeit Europas, des Nahen Ostens und Nordafrikas: "Was in einer unserer Regionen geschieht, kann sich direkt auf etwas auswirken, das in der anderen Region geschieht, und das ist häufig auch der Fall", erklärte der König.

Vier Monate später machten sich Hunderttausende arabische Flüchtlinge von der Türkei aus über den Balkan in Richtung Mitteleuropa auf den Weg. "Isolierung ist keine Antwort. Mauern sind keine Antwort. Misstrauen gegenüber dem anderen ist keine Antwort", appellierte der Jordanier, dessen Land bei der Aufnahme von Flüchtlingen einen Löwenanteil der Lasten trägt. Nach eigenen Angaben beherbergt die Wüstennation inzwischen 1,3 Millionen entwurzelte Syrer und Iraker, von denen 655.000 offiziell registriert sind – das sind 13 Prozent der gesamten Bevölkerung.

Jordanien ist eine konstitutionelle Monarchie. Die Dynastie der Haschemiten leitet ihre Herkunft vom Propheten Mohammed ab. Das politische System ist autoritär, in den meisten Staatsfragen hat Abdullah II. das letzte Wort. Er ist Oberbefehlshaber des Heeres und bestimmt die Außenpolitik. Nach dem Arabischen Frühling setzte der Monarch auf "Reformen von oben", sodass es weitgehend friedlich und gewaltfrei blieb. Auch seine Bilanz bei den Menschenrechten ist weniger problematisch als in anderen arabischen Staaten. 2012 setzte er ein Verfassungsgericht ein und dekretierte ein neues Wahl- und Parteiengesetz.

Trotzdem ist die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung groß, NGOs klagen über staatliche Gängelei, die Beteiligung an den Parlamentswahlen in September lag lediglich bei 37 Prozent. Zudem leidet das Königreich unter chronischer Wirtschaftsschwäche, die Arbeitslosigkeit beim Nachwuchs stieg auf über 30 Prozent. "Wenn mir etwas nachts den Schlaf raubt, dann die Frage, wie ich der jungen Generation Chancen im Leben eröffnen kann", sagte Abdullah II. kürzlich in einem Fernsehinterview. "Denn Radikale haben nirgendwo so leichten Erfolg wie bei frustrierten Jugendlichen."