Der Frieden ist vorbei in Klein-Irak – Seite 1

Hassan hatte es geahnt. "Wenn der IS in Bedrängnis gerät, schlägt er um sich", hatte der Mann aus Kirkuk vor einer Woche gesagt, am Tag, als die Militäroffensive zur Rückeroberung von Mossul begann. Hassan saß im Kaffeehaus Today, wo unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zusammenkommen. "Dann haben wir hier auch keine Ruhe mehr", sagte er voraus.

Der Jurist hatte gerade sein Staatsexamen an der Universität Kirkuk bestanden und feierte mit einigen Freunden im Zentrum der Stadt. Die Stimmung war ausgelassen, die Gesichter entspannt. Vor allem junge Iraker lieben die offene Atmosphäre im Today, dem zweistöckigen Haus mit großzügiger Glasfassade zur Haupteinkaufsstraße hin. Schon der Name gibt die Haltung der meisten Gäste wieder: heute und nicht gestern.

Am Freitag tauchten plötzlich Dutzende bewaffnete Islamisten in Kirkuk auf: Dschihadistengruppen mit Granaten und Schusswaffen in mehreren Vierteln. Sie verübten Selbstmordanschläge, griffen ein Kraftwerk an, töteten zahlreiche Menschen. Einige Gebäude in der Innenstadt von Kirkuk haben seitdem Einschusslöcher. Auch vor dem Today wurde gekämpft, das Kaffeehaus selbst blieb aber verschont. Die Terrormiliz IS, die sie im Irak Daaisch nennen, hat sich über die einschlägige Website Amaq zu den Übergriffen bekannt.

Wem gehört Kirkuk?

Die Attacken mehrerer IS-Zellen konnten abgewehrt werden, inzwischen herrscht in der Stadt wieder Ruhe. Doch die knapp eine Million Einwohner fragen sich, wie lange diese Ruhe anhält. Es herrscht Ausgangssperre. Hassan und seine Freunde fühlen sich in frühere Zeiten zurückversetzt, als die Geschäfte schon um 14 Uhr schließen mussten und die Cafés erst wieder aufmachten, wenn die Situation sich entspannte.

Lange Jahre war Kirkuk nach Bagdad die Stadt mit den meisten Terroranschlägen landesweit. Fast täglich explodierten Sprengsätze, jagten sich Selbstmordattentäter in die Luft und rissen Menschen in den Tod. Kirkuk gilt als Klein-Irak: Hier leben alle Volksgruppen zusammen, die das Land zu bieten hat: Kurden, Araber und Turkmenen zu etwa gleichen Teilen, außerdem christliche Assyrer, Jesiden und Kakai. Kirkuks Ölreichtum weckt Begehrlichkeiten. Entsprechend heftig verlaufen die Auseinandersetzungen. Die kurdische Regionalregierung in Erbil erhebt Anspruch auf die Verwaltung der Stadt, die Zentralregierung in Bagdad ist damit nicht einverstanden.

Der Diktator Saddam Hussein hatte Ende der 1990er Jahre versucht, die Stadt zu arabisieren. Kurden wurden zum Verlassen der Stadt gezwungen, Araber angesiedelt. Seit Husseins Sturz 2003 soll diese demografische Verschiebung rückgängig gemacht werden. Doch das ist nicht einfach. Wesentlich weniger Kurden als gewünscht kehrten nach Kirkuk zurück. Wesentlich weniger Araber als beabsichtigt verließen die Stadt.

Dem Kampf gegen den IS folgt der Kampf um das Öl

Der Streit zwischen Bagdad und Erbil befeuerte die Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen und stärkte extremistische Gruppen wie Al-Kaida. Und dann kam der IS. Vor gut zwei Jahren hatten die Dschihadisten die Einnahme der Ölstadt kalkuliert. Mit damals etwa 500.000 Fass gefördertem Öl pro Tag wären die Pumpen in Kirkuk zur Haupteinnahmequelle des "Islamischen Staates" geworden. Doch so weit kam es nicht. Während die kurdischen Sicherheitskräfte andere Landstriche nahezu kampflos den Gotteskriegern überließen, waren sie bei der Verteidigung Kirkuks zu allem entschlossen. Das "Jerusalem der Kurden" nennt der Volksmund die Stadt und will damit ihre enorme Bedeutung für die kurdische Seele ausdrücken.

Hassan und seine Freunde, die sich im Today treffen, waren sich dessen bewusst. "Es war wie in einem sicheren Nest", beschreibt Omeed die Situation. Er ist Turkmene, Hassan Kurde. In der Provinz Kirkuk wurde heftig gekämpft, der IS übernahm die Kontrolle über Dörfer und Städte. Die Stadt selbst blieb jedoch IS-freie Zone.

Um Kirkuk besser zu schützen, beschlossen die Verantwortlichen eine mittelalterlich anmutende Maßnahme. Der Stadtrat beschloss, einen drei Meter breiten und zwei Meter tiefen Graben um die Stadt auszuheben. Zwar wurde er nie ganz als Ring geschlossen und auch nicht mit Wasser gefüllt, doch im Süden und Westen dient er als Schutz gegen Angriffe von Terroristen.

Bagdad will das Öl aufteilen

"Ob es der Graben oder die ständig präsenten Peschmerga-Soldaten waren, weiß ich nicht", sagt Omar, dessen Mutter Kurdin ist, der Vater Araber. "Jedenfalls gingen die Anschläge zurück, wir fühlten uns viel sicherer." Die Situation sei sogar besser als vor den Angriffen des IS gewesen, meint der 24-Jährige. Zum ersten Mal fühlten sich die jungen Männer als Bürger ihrer Stadt und nicht als Spielball unterschiedlicher politischer Kräfte.

"Doch mit der Sicherheit ist es jetzt vorbei", sagt Omar. Jetzt kochten die alten Konflikte wieder hoch, die der gemeinsame Kampf gegen den IS übertüncht hatte. Die Verschnaufpause ist beendet. Seitdem die Terrormiliz alle eroberten Ölfelder um Kirkuk verloren hat, ist der Streit um die Erträge wieder voll entbrannt. Iraks Ölministerium in Bagdad will sie aufteilen, um den streitenden Parteien gerecht zu werden. Ob das schon die Lösung ist, bleibt dahingestellt.

Hassan ist skeptisch. "Das Ende des Kalifats bedeutet noch lange nicht das Ende des Streits um Kirkuk", sagt er. Er befürchtet, dass es wieder mehr Ärger gibt. Mehr als in den zwei Jahren, in denen der IS der gemeinsame Feind war.