Der Streit zwischen Bagdad und Erbil befeuerte die Auseinandersetzungen zwischen den Volksgruppen und stärkte extremistische Gruppen wie Al-Kaida. Und dann kam der IS. Vor gut zwei Jahren hatten die Dschihadisten die Einnahme der Ölstadt kalkuliert. Mit damals etwa 500.000 Fass gefördertem Öl pro Tag wären die Pumpen in Kirkuk zur Haupteinnahmequelle des "Islamischen Staates" geworden. Doch so weit kam es nicht. Während die kurdischen Sicherheitskräfte andere Landstriche nahezu kampflos den Gotteskriegern überließen, waren sie bei der Verteidigung Kirkuks zu allem entschlossen. Das "Jerusalem der Kurden" nennt der Volksmund die Stadt und will damit ihre enorme Bedeutung für die kurdische Seele ausdrücken.

Hassan und seine Freunde, die sich im Today treffen, waren sich dessen bewusst. "Es war wie in einem sicheren Nest", beschreibt Omeed die Situation. Er ist Turkmene, Hassan Kurde. In der Provinz Kirkuk wurde heftig gekämpft, der IS übernahm die Kontrolle über Dörfer und Städte. Die Stadt selbst blieb jedoch IS-freie Zone.

Um Kirkuk besser zu schützen, beschlossen die Verantwortlichen eine mittelalterlich anmutende Maßnahme. Der Stadtrat beschloss, einen drei Meter breiten und zwei Meter tiefen Graben um die Stadt auszuheben. Zwar wurde er nie ganz als Ring geschlossen und auch nicht mit Wasser gefüllt, doch im Süden und Westen dient er als Schutz gegen Angriffe von Terroristen.

Bagdad will das Öl aufteilen

"Ob es der Graben oder die ständig präsenten Peschmerga-Soldaten waren, weiß ich nicht", sagt Omar, dessen Mutter Kurdin ist, der Vater Araber. "Jedenfalls gingen die Anschläge zurück, wir fühlten uns viel sicherer." Die Situation sei sogar besser als vor den Angriffen des IS gewesen, meint der 24-Jährige. Zum ersten Mal fühlten sich die jungen Männer als Bürger ihrer Stadt und nicht als Spielball unterschiedlicher politischer Kräfte.

"Doch mit der Sicherheit ist es jetzt vorbei", sagt Omar. Jetzt kochten die alten Konflikte wieder hoch, die der gemeinsame Kampf gegen den IS übertüncht hatte. Die Verschnaufpause ist beendet. Seitdem die Terrormiliz alle eroberten Ölfelder um Kirkuk verloren hat, ist der Streit um die Erträge wieder voll entbrannt. Iraks Ölministerium in Bagdad will sie aufteilen, um den streitenden Parteien gerecht zu werden. Ob das schon die Lösung ist, bleibt dahingestellt.

Hassan ist skeptisch. "Das Ende des Kalifats bedeutet noch lange nicht das Ende des Streits um Kirkuk", sagt er. Er befürchtet, dass es wieder mehr Ärger gibt. Mehr als in den zwei Jahren, in denen der IS der gemeinsame Feind war.