Es sollte ein historischer Vorgang werden, und er wurde es. Nach Jahren zäher Verhandlungen mit den linksgerichteten Farc-Rebellen waren die Kolumbianer aufgerufen, einem Friedensabkommen zuzustimmen, das den seit Dekaden bürgerkriegsähnlichen Zustand im Land beenden sollte. Sie taten es nicht.  

Die knappe Mehrheit lehnte das Abkommen ab. Aber was das Referendum tatsächlich zum Scheitern brachte: Die meisten Kolumbianer stimmten überhaupt nicht ab. Die Wahlbeteiligung lag bei historisch niedrigen 37,4 Prozent. Nur 13,1 Millionen der 34,9 Millionen Wahlberechtigten gaben ihre Stimme ab oder: Fast zwei Drittel blieben fern. Selbst wenn es eine Mehrheit für ein Ja gegeben hätte, kaum jemand hätte es angesichts der geringen Beteiligung eine Zustimmung des Volkes nennen können. Dabei handelte es sich um eine der wahrscheinlich wichtigsten Abstimmungen der vergangenen Jahrzehnte in Kolumbien.

Mehr als ein halbes Jahrhundert dauert der Konflikt mit der Farc an, den "Revolutionären Streitkräften Kolumbiens". Mehr als 260.000 Menschen wurden getötet, Tausende vergewaltigt, gefoltert oder vertrieben. Sieben Millionen flohen aus dem Land. Vor allem in den großen Städten scheint das Bewusstsein dafür gering zu sein. Dort war die Wahlbeteiligung besonders niedrig. Viele der urbanen Kolumbianer haben den Konflikt nicht selbst miterlebt, viele fühlen sich nicht betroffen, ihnen ist vor allem wichtig, dass in den vergangenen Jahren die Kriminalität in den Städten merklich zurückgegangen und die Wirtschaft gewachsen ist. 

Streit um Strafe und Wiedergutmachung

In den besonders schwer von dem Konflikt betroffenen ländlichen Gebieten hingegen hatten die meisten Menschen für ein Ja geworben. Die Vereinbarungen des Friedensvertrages wirken sich dort viel stärker aus. Den ehemaligen Rebellen wird eine legale Lebensgrundlage zugesichert und die Bevölkerung erhält Auskunft darüber, was mit ihren Verwandten und Bekannten passiert ist, die vor Jahren verschwanden. Die im Abkommen festgeschriebene Wiedergutmachung für die Opfer des Konflikts, eine Landreform, die Entwaffnung der Rebellen, ihre Umwandlung in eine politische Partei sowie der Kampf gegen den Drogenhandel, sollte für beide Seiten eine friedliche Zukunft sicherstellen.

Auswertungen der Bezirke zeigen, dass die Landbevölkerung mit großer Mehrheit für den Vertrag stimmte. In der Gemeinde Bojayá etwa votierten 96 Prozent für die Annahme. Dort waren im Jahr 2002 119 Menschen durch eine Farc-Attacke getötet und mehr als 100 verletzt worden. Es war einer der schlimmsten Anschläge in der Geschichte des blutigen Konflikts. Das aber hat nicht gereicht, um die Kampagne der Nein-Sager um den ehemaligen Präsidenten Álvaro Uribe zu stoppen. Seine Anhänger gingen wählen, während viele derer, die dem Vertrag etwas achselzuckend zustimmten oder es als sicher wähnten, dass es niemals zu einem Nein kommen könnte, zu Hause blieben.

In kolumbianischen Medien werden bereits Vergleiche mit dem ebenso historischen Brexit-Referendum gezogen. Auch beim britischen Volksentscheid ist das Unerwartete und das für einen Großteil der Bevölkerung Ungünstige eingetreten vor allem deshalb, weil so viele der Abstimmung fernblieben. Und weil die Gegenkampagne so stark war.

Dem kolumbianischen Nein-Lager um Álvaro Uribe war der Umgang mit den ehemaligen Kämpfern zu nachsichtig, zu leichtfertig ihre Rehabilitation. Doch wer vermag gerechte Einzelstrafen gegen das Ende eines Bürgerkriegs abzuwägen? Es ist sicherlich leichter, plakativ für Ablehnung zu werben, als Menschen, die von einem Projekt nicht vollends überzeugt sind, zur positiven Stimmabgabe zu bewegen.

Zur Versöhnung noch nicht bereit

Maßgeblich für die Ablehnung des Abkommens dürften jedoch weniger die Inhalte als die starke politische Polarisierung des Landes sein, sagt Günther Maihold von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Uribe, der die Sicherheitspolitik des Landes während seiner Amtszeit von 2002 bis 2010 prägte und nun den Gegenpart zum jetzigen Amtsinhaber Juan Manuel Santos darstellt, stehe als Sieger des Entscheids fest. Seine Vorstellung eines Friedens aus der Position der Stärke heraus habe gewonnen, sagt Maihold. Gefängnisstrafen für die Farc-Kommandanten und die Heranziehung ihrer Gewinne für die Wiedergutmachung seien Forderungen, die die schweigende Mehrheit der Bevölkerung überzeugt hätten. Sie sei noch nicht zu Versöhnung und Vergebung bereit gewesen, sondern habe auf Gerechtigkeit und Rechtsdurchsetzung bestanden. Das liege auch daran, dass viele sich angesichts der Sicherheitsprobleme und Zukunftsängste einen starken Staat wünschten.

Der Anführer der Nein-Kampagne, Uribe, kündigte inzwischen an, den Friedensvertrag überarbeiten zu wollen. Vor allem die Straffreiheit für Verbrechen der Guerilla müsse korrigiert werden. Uribe möchte an dem historischen Verfahren beteiligt werden, anstatt ihn aufzuhalten. Da klingt er beinahe wie einige der Brexit-Befürworter nach der Bekanntgabe der Ergebnisse. Trotz der Niederlage im Referendum schloss Kolumbiens Staatspräsident Santos seinen vorzeitigen Rücktritt aus. Er habe die Stimmen des Ja- und des Nein-Lagers gehört, sagte er. Das Land brauche nun aber Stabilität.

Der Farc-Chef Timoleón Jiménez kündigte an, die Waffen ruhen zu lassen und weiter am Frieden zu arbeiten. Leider hätten die Kräfte, die den Hass gesät hätten, die Entscheidung der Kolumbianer beeinflusst, kritisierte Jiménez das Lager von Álvaro Uribe. Für die Rebellen könnte es mit einigen Änderungen zu einem akzeptablen Vertrag kommen. Die noch verbliebenen gewaltbereiten Kämpfer der Nationalen Befreiungsarmee ELN werden das Gezerre um das Abkommen sehr genau verfolgt haben. Fraglich, ob auch sie sich darauf einlassen.