Wenige Stunden vor ihrem Beginn hat Kolumbiens Staatspräsident Juan Manuel Santos die Friedensverhandlungen mit der Guerillagruppe Nationales Befreiungsheer (ELN) verschoben. Grund sei der Streit um die Freilassung des verschleppten Ex-Abgeordneten Odín Sánchez, sagte Santos in einer Fernsehansprache. Der designierte Friedensnobelpreisträger werde nicht nach Ecuador reisen, wo die Verhandlungen hätten stattfinden sollen.

Innenminister Juan Fernando Cristo sagte vor Journalisten, die Verhandlungen könnten "morgen, Samstag oder irgendwann beginnen" – vorausgesetzt, Sánchez sei frei. Nach dem Friedensschluss mit den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Farc) will die kolumbianische Regierung auch den Konflikt mit der zweitgrößten Guerillagruppe des Landes beenden.

Für die Freilassung der Geisel verlangen die Rebellen der ELN nach Angaben der Tageszeitung El Tiempo umgerechnet rund eine Million Euro. Santos hatte die Freilassung aller Geiseln zur Bedingung für Friedensgespräche gemacht.

Die ELN wurde 1964 von Studenten, radikalen Befreiungstheologen und linken Intellektuellen aus Protest gegen die Armut der Kleinbauern gegründet. Sie ist nach der linksgerichteten Farc die zweitgrößte Rebellenbewegung des Landes. 

Präsident Santos hatte den Friedensnobelpreis für die Friedensverhandlungen mit der Farc bekommen. Die Gespräche zwischen Regierung und der Guerillagruppe werden nach einem knappen Nein bei der Volksabstimmung über einen Friedensvertrag fortgesetzt. An dem Abkommen sollen Korrekturen vorgenommen werden.

Nach Schätzungen der kolumbianischen Behörden verfügt die ELN über eine Truppenstärke von 2.500 Männern und Frauen und ist überwiegend im Osten des Landes aktiv. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gehen rund 7.000 Tötungen, ebenso viele Entführungen, 3.000 Fälle von Landvertreibung und etwa 1.000 Zwangsrekrutierungen auf das Konto der Marxisten. Die Gruppe wird zugleich für schwerste Umweltzerstörungen durch mehr als 1.300 Anschläge auf Ölpipelines verantwortlich gemacht.