Der Aufschrei war groß, als während des zweiten Golfkriegs von 1991 Amerikaner und Briten Informationen über ihren Feldzug derart  zensierten, dass die Medien kein einziges Bild über die Zigtausenden Opfer dieses Krieges veröffentlichen konnten. Journalisten in Deutschland und die Wissenschaft weltweit warnten vor der totalen Irreführung der demokratischen Öffentlichkeit. Deutsche Zeitungen trugen eine Art Trauerflor auf der Titelseite nach dem Motto: "Wir werden zensiert."

Seitdem hat sich scheinbar vieles verändert. In dem seit einem Vierteljahrhundert währenden Prozess hat sich die Zahl der Medienkanäle vervielfacht, über die wir Informationen aus Kriegsgebieten erhalten. Eine vollständige Zensurabschottung wie 1991 ist heute nicht mehr möglich. Zunächst konnte sich weltweit dank des direkt empfangbaren Satellitenrundfunks das Fernsehen durchsetzen. Die Bilder des arabischen Senders Al-Jazeera vom Krieg in Afghanistan gingen seit 2001 um die Welt. Im Irak-Krieg 2003 schließlich war Bagdad voller internationaler Korrespondenten.

Seit durch soziale Medien Bilder, Videos und Texte aus allen Kriegsgebieten geliefert werden, scheinen die Zeiten endgültig vorbei zu sein, in denen die Mächtigen Medien und Menschen manipulieren konnten. Die Vielzahl der Amateurjournalisten lässt sich nicht mehr kontrollieren. Moderne Medientechnik liefert seitdem scheinbar in Echtzeit authentische Kriegs- und Opferbilder. Aus der Informationsunterversorgung von einst ist eine Informationssättigung geworden. Schöne neue Medienwelt – oder doch nicht?

Wir verfügen heute zwar über mehr Informationen, aber lange noch nicht über mehr Wissen über den Krieg. Unabhängigkeit und Macht der Medien sind trotz neuer Medientechnik keineswegs gewachsen, und das hat unterschiedliche Gründe. Zunächst einmal werden die neuen digitalen Kanäle im Zeitalter des Cyberkriegs von allen beteiligten Kräften – also auch von den kriegstreibenden Parteien – bespielt. Amerikaner, Russen, der IS – sie alle sind längst auf Twitter und Facebook unterwegs, geschickt getarnt mit Amateurbeiträgen. Ein Wettlauf zwischen echter Information und propagandistischer Desinformation lässt auch Experten oft verzweifeln. Bilderfälschungen zum Beispiel sind kaum nachweisbar. Wahrheit und Lüge sind vor allem unter dem Zeitdruck der täglichen Berichterstattung kaum auseinanderzuhalten.

Kriegsführenden gelingt es heute zwar nicht mehr, das Schlachtfeld abzuschotten. Durch PR, bei der jede Seite ihre oft völlig haltlosen Lügen verbreitet, wird allerdings die Öffentlichkeit verunsichert. Der Bürger wird zur Passivität, zum Konsumenten von schwarzer Propaganda degradiert. Wie soll man Politiker zum Friedenshandeln auffordern, wenn die Faktengrundlage dafür fehlt?

Der Preis ist die Apathie der Bürger

Die Mutter der modernen Kriegslüge war die sogenannte Brutkastenstory während des Golfkriegs von 1991, bei der eine angebliche Krankenschwester, die sich später als Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA erwies, vor dem amerikanischen Kongress schwor, irakische Soldaten hätten Babys in Krankenhäusern ermordet. Eine inflationäre Zunahme an Propaganda war dann während des Irak-Kriegs von 2003 zu beobachten, als nicht nur Saddam Hussein, sondern auch Amerikaner und Briten die Öffentlichkeit systematisch über (nicht existente) Massenvernichtungswaffen, (fiktive) Giftanschläge der Iraker, (nie nachgewiesene) Verbindungen des Iraks zu Osama bin Laden und vieles andere täuschten.

Für die betroffenen Politiker haben diese Manipulationen nie ernsthafte, schon gar keine rechtlichen Folgen gehabt. Seitdem gibt es an der Front des Informationskrieges kein Halten mehr. Zeitgenössische Irrtümer wie vom deutschen Fernsehen falsch verwendete Bilder in der Ukraine-Krise oder Manipulationsversuche im Zusammenhang mit Assads Giftgaseinsätzen sind nur ein Echo dessen, was man im Irak-Krieg erleben konnte. Die Demokratie zahlt den Preis für die neue Unkultur der Propaganda in Form einer zunehmenden außenpolitischen Apathie seiner Bürger.

Die Klage der bekannten Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann aus den 1990er Jahren über die fehlenden internationalen Debatten in Deutschland darf man heute getrost wiederholen. Es muss schon ein gewaltiges Ereignis wie der Arabische Frühling kommen, um uns ernsthaft über die außereuropäische Welt nachdenken und debattieren zu lassen. Ein "einfacher" Bürgerkrieg wie in Syrien reicht da nicht mehr aus. Sind wir abgestumpft?