Donald Trump hatte seinen Vize in die Hölle geschickt. Wie sollte Mike Pence den Millionen Zuschauern des TV-Duells die jüngsten Skandale seines Chefs erklären: Die Hass-Rede auf die Schönheitskönigin Alicia Machado? Die unhaltbaren Spekulationen über Hillary Clintons Seitensprünge? Die brisanten Unterlagen, die nahelegen, dass Trump seit 20 Jahren keine Steuern zahlt? So sehr hatte der Milliardär in der vergangenen Woche gewütet, dass Pence die einzige Debatte der Vizekandidaten im US-Wahlkampf eigentlich nur verlieren konnte.

Doch Trumps Stellvertreter gelingt das Unmögliche: Als sein Rivale, der demokratische Vizekandidat Tim Kaine, all die Verfehlungen Trumps aufzählt, behält Pence die Ruhe, schüttelt nur den Kopf und lächelt. "Das ist Nonsens", sagt er und wartet artig, bis die Moderatorin ihm das Wort erteilt. Dann kontert er: Trump sei nicht das Problem, die desaströse Außen- und Wirtschaftspolitik der Obama-Jahre hätten die USA ruiniert – Mitschuld trage natürlich Hillary Clinton.

In den Augen der republikanischen Partei macht Mike Pence am Dienstagabend das einzig Richtige: Er lässt sich nicht provozieren, präsentiert sich als Vorzeige-Konservativer und gibt sich alle Mühe, Trumps abstruse Forderungen entweder in gemäßigtem Ton zu verteidigen oder gleich ganz zu ignorieren. So, wie er dort auf dem Podium sitzt – zurückgelehnt, gelassen, die Hände auf dem Tisch gefaltet – wehrt er die Angriffe seines sichtlich nervösen Kontrahenten Kaine wieder und wieder ab.

Pence gelingt sogar, woran Donald Trump im Duell mit Hillary Clinton 90 Minuten lang gescheitert war. Mit provokanter Rhetorik breitet er die Skandale der Demokratin vor den Zuschauern aus – und nutzt Kaine dafür als Statisten. "Wenn Ihr Sohn oder mein Sohn geheime E-Mails so gehandhabt hätte wie Hillary Clinton würden sie vor ein Militärgericht gestellt", sagt Pence, der wie Kaine Vater eines Marine-Soldaten ist. So kritisiert er Clinton fast beiläufig dafür, dass sie in ihrer Zeit als US-Außenministerin jahrelang einen privaten E-Mail-Server im Keller ihres Wohnhauses hatte.

In klaren, kurzen Sätzen wirft Pence der Ex-Außenministerin kurz darauf vor, sich bei reichen Gönnern der Clinton-Stiftung mit politischen Gefälligkeiten revanchiert zu haben. Mit besorgter Miene schaut er dabei direkt in die Kamera – er weiß, dass die Wähler nicht hier im Saal, sondern zu Hause auf dem Sofa sitzen. 

Auch zahlt sich schließlich aus, worauf Trump mit der Nominierung des streng religiösen Pence gehofft hatte: Der Gouverneur von Indiana wettert minutenlang gegen die staatliche Subventionierung von Abtreibungen – ein Reizthema für religiöse US-Bürger, die mit Trump wegen seines durchaus weltlichen Lebensstils inklusive zweier Scheidungen und mehrerer Seitensprünge nichts anfangen können. Pence wendet sich ganz direkt an Amerikas Evangelikale: "Mein christlicher Glaube liegt im Zentrum von dem, was ich bin." Nie würde Trump so einen Satz sagen. Und genau deshalb ist Pence für ihn an diesem Abend so wertvoll.

Tapfer geschlagen

Trotzdem kann Pence nicht alle Angriffe gegen Trump abwehren. Zwar pariert er Kaines Kritik an Trumps Steuer-Unterlagen noch mit dem Verweis, dass der Milliardär nie gegen geltendes Recht verstoßen habe. Doch zum Ende der Debatte geht auch dem tapferen Pence die Luft aus. Wieder und wieder fordert Kaine ihn auf, doch endlich zu sagen, was er von Trumps frauenfeindlichen Kommentaren und dessen rassistischen Bemerkungen gegen einen mexikanischstämmigen Richter aus Indiana halte. Pence weicht aus: "Er ist eben kein glatter Politiker wie Sie und Hillary Clinton." Doch es ist ganz offensichtlich, dass ihm einfach nichts Besseres mehr einfällt.

Wer führt in den Umfragen?

Obwohl Pence entgegen aller Erwartungen die Diskussion gegen Kaine dominiert, wird deutlich: Ein solider Auftritt im TV-Duell reicht nicht aus, um den Schaden zu beheben, den Trump in der vergangenen Woche angerichtet hat. Denn ganz offensichtlich hat auch Pence selbst Probleme mit dem Auftreten seines Chefs. Er schafft es nicht, der Öffentlichkeit Trumps Faszination für den russischen Präsidenten Wladimir Putin und seine Forderung nach nuklearer Aufrüstung der Pazifik-Staaten zu erklären. Zu weit außerhalb der klassisch-konservativen Denkschule liegt Trump mit seinen außenpolitischen Anarcho-Fantasien, als dass der Profi-Politiker Pence ihn dafür glaubhaft verteidigen könnte.

Vize-Debatte hat kaum Aufmerksamkeit

Pences beachtliche Leistung kann Trumps aktuelle Formkrise nicht lösen. Denn das Duell der Vizes wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen: Noch vor der Debatte hatten vier von zehn Amerikanern erklärt, dass sie noch nicht einmal die Namen der beiden Stellvertreter-Kandidaten kennen. Im Zentrum des Wahlkampfs steht nach wie vor der Alleinunterhalter Trump. Und dem entgleitet nach und nach die Kontrolle. Seine Beherrschung der vergangenen Wochen ist dahin. Trump teilt wahllos aus – gegen Clinton, ihren Mann Bill, die Schönheitskönigin Machado und die Journalisten der New York Times, die seine Steuer-Unterlagen veröffentlicht haben. Bis zur Wahl sind es noch knapp fünf Wochen. Seine Chancen auf einen Sieg werden mit jedem Tag kleiner.

Am kommenden Wochenende bietet sich Trump die wohl letzte Chance, seinen Wahlkampf wieder in den Griff zu bekommen: An der Washington University in St. Louis trifft er zum zweiten Mal auf Hillary Clinton. Will er eine erneute Blamage vermeiden, sollte er sich ein Beispiel an seinem Vize nehmen. Der war gut vorbereitet, gelassen und höflich. Wie ein echter Präsident eben.