Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) hat nach Erkenntnissen der Vereinten Nationen (UN) offenbar weitere Gräueltaten an der Bevölkerung in der Region um Mossul begangen. Im Dorf Tulul Naser südlich der Millionenmetropole seien die Leichen von 70 Zivilisten gefunden worden, sagte ein UN-Sprecher. Die Körper hätten Schusswunden aufgewiesen. Außerdem sollen 50 ehemalige Polizisten nahe der Großstadt getötet worden sein. Der UN-Sprecher gab zu bedenken, dass es schwierig sei, die Berichte zu verifizieren. Jedoch ist es nicht das erste Mal, dass IS-Kämpfer mit äußerster Brutalität gegen Zivilisten im Irak vorgehen.

Nach UN-Informationen wurden auch im Dorf Safina südlich von Mossul 15 Zivilisten getötet und die Leichen anschließend in einen Fluss geworfen. Damit soll nach Einschätzung des UN-Sprechers Angst und Schrecken in der Bevölkerung verbreitet werden. Sechs mutmaßliche Angehörige von Anti-IS-Kämpfern seien an ein Auto gebunden und durch das Dorf geschleift worden. Auch gebe es Berichte, wonach IS-Kämpfer drei Frauen und drei Mädchen erschossen und vier weitere Kinder verletzt haben. Sie sollen bei einer Vertreibung nicht schnell genug mitgekommen sein, weil eines der Kinder behindert war.

Zuvor hatte bereits der US-Fernsehsender CNN berichtet, mit welcher Brutalität die Terrormiliz gegen Zivilisten vorgeht. 284 Männer und Jungen seien allein am vergangenen Donnerstag und Freitag vom IS hingerichtet worden, hieß es. Dabei berief sich der Sender auf den irakischen Geheimdienst. Demnach hatten die Terroristen die Menschen zunächst als Schutzschilder genutzt und später erschossen.

Der IS hatte in den von ihm eroberten Gebieten bereits vor zwei Jahren Gräueltaten an der Bevölkerung begangen. Dabei wurden viele Angehörige von Minderheiten getötet, versklavt oder vertrieben.

Offensive erreicht Stadtrand von Mossul

Etwa eine Woche nach Beginn der Offensive zur Rückeroberung Mossuls sind irakische Spezialeinheiten nach eigenen Angaben bis zum östlichen Stadtrand vorgestoßen. "An unserer Front sind wir nur fünf oder sechs Kilometer von Mossul entfernt", sagte der Kommandant der irakischen Anti-Terroreinheit CTS, Ahmed al-Assadi. Seine Einheit koordiniere sich mit den Kampfeinheiten an den übrigen Fronten, sagte Al-Assadi. Von Nordosten näherten sich kurdische Peschmerga-Kämpfer der Stadt, in der noch bis zu 6.000 IS-Kämpfer vermutet werden. Dagegen kam die aus dem Süden vorrückende irakische Armee der IS-Hochburg nur langsam näher.

Gespaltene Anti-IS-Koalition

Im Westen Mossuls gibt es bislang keine Kämpfe. Nun sollen jedoch die schiitischen Milizen Haschd al-Schaabi (Volksmobilisierungseinheiten) in das Gebiet zwischen Mossul und der syrischen Grenze vorstoßen. "Unser Ziel ist, eine Flucht des IS nach Syrien zu verhindern", sagte ein Sprecher der beteiligten Schiiten-Miliz. "Wir erwarten eine gewaltige und schwierige Schlacht."

Die schlagkräftigen Schiiten-Milizen sollen vor allem die Stadt Tal Afar zurückerobern, die vor der Besetzung durch den IS mehrheitlich von Schiiten bewohnt war. Allerdings spaltet die Einbeziehung von schiitischen Kräften die Anti-IS-Koalition: Die Kurdenführung im Nordirak lehnt deren Beteiligung ebenso ab wie die türkische Regierung.

Der Anti-IS-Einsatz türkischer Streitkräfte im Nordirak findet wiederum gegen den Willen der irakischen Führung statt. Ungeachtet dessen deutete der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu eine mögliche Ausweitung des Militäreinsatzes an. "Wenn es eine Bedrohung für die Türkei gibt, sind wir bereit, all unsere Kräfte zu nutzen, um diese Bedrohung zu beseitigen – einschließlich einer Bodenoperation", sagte Çavuşoğlu dem Sender Kanal 24.

"Wir müssen sehr wachsam sein"

Die Offensive auf Mossul war auch Thema des Treffens der Verteidigungsminister der USA, Deutschlands und anderer westlicher Staaten in Paris. Frankreichs Präsident François Hollande sagte, die mögliche Rückkehr von IS-Kämpfern in ihre Heimatländer sei Grund zur Sorge. "Wir müssen sehr wachsam sein."

Neben dem Irak geht es bei dem Treffen auch um die Lage in Syrien. Die Sitzung wurde von Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian und seinem US-Kollegen Ashton Carter geleitet. Für Deutschland nahm Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) teil.