Osteuropa hat in Deutschland und bei vielen Westeuropäern einen schlechten Ruf. Der Landstrich zwischen Oder und Ural gilt als Hort von Kriminalität und Rassismus, Oligarchie und Autokratie. 27 Jahre nach den friedlichen Revolutionen von 1989 wurde zuletzt die Flüchtlingskrise zum Synonym für eine angeblich vorherrschende Menschenverachtung in den Staaten des ehemaligen Ostblocks. Der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn wollte Ungarn sogar aus der EU werfen. Begründung: "Die ungarische Regierung von Viktor Orbán hat uns eingebrockt, dass die EU dasteht wie eine Union, die sich anmaßt, nach außen Werte zu verteidigen, aber nach innen nicht fähig ist, ihre Werte aufrechtzuerhalten."

Der Westen unterschätzt bei alledem aber die Aufbauarbeit, die im Trümmerfeld des osteuropäischen Realsozialismus im vergangenen Vierteljahrhundert geleistet wurde. Mindestens ebenso oft übersehen werden die Hoffnungen und Sehnsüchte, die Bürger der Region mehr denn je haben. Am Wochenende haben die Wähler in Tschechien, Litauen und Georgien in Wahlen diesem osteuropäischen Traum Ausdruck verliehen, der trotz aller Rückschläge lebt. Es ist der Traum von blühenden Landschaften, von Freiheit und Wohlstand, von einer Befreiung der Gesellschaften aus dem Würgegriff der allgegenwärtigen Korruption. Vor allem aber ist es der an Verklärung grenzende Traum, endlich so leben zu können wie die Menschen im Westen Europas – in Paris, Berlin oder London.

Bidsina Iwanischwili hat diese Sehnsucht zum Parteinamen gemacht: Georgischer Traum heißt das Wahlbündnis, das der Milliardär 2012 schmiedete, um den langjährigen Präsidenten Michail Saakaschwili zu stürzen. Saakaschwili seinerseits hatte 2003 die Rosenrevolution in Georgien angeführt, um das Land aus der Herrschaft der korrupten postkommunistischen Clans rund um den Präsidenten und ehemaligen sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse zu befreien.

Mehr noch: Der junge Saakaschwili, der in den USA studiert hatte, war zu Jahrtausendbeginn ein Hoffnungsträger wie kaum ein zweiter Politiker im Osten Europas. Doch der heute 48-Jährige verriet den Traum seiner Rosenrevolutionäre. Er lenkte das Land zunehmend selbstherrlich, duldete oder förderte die grassierende Korruption, führte sein Land 2008 in den verlustreichen Krieg mit Russland um Südossetien und galt zuletzt als georgischer Sonnenkönig, der nach dem Motto regierte: "Der Staat bin ich." Iwanischwilis Traum-Partei gelang es 2012/13, den ersten friedlichen, durch demokratische Wahlen herbeigeführten Wechsel im postkommunistischen Georgien herbeizuführen. Und der Milliardär, anfangs oft gescholten als Marionette des Kremls, weil er sein Vermögen als Rohstoffoligarch in Russland erworben hatte, hielt Wort! Als der Machtwechsel endgültig vollzogen war – Saakaschwili floh vor einer Korruptionsanklage in die Ukraine –, trat Iwanischwili nach einer kurzen Zeit als Premierminister von der politischen Bühne ab, um der Demokratie endgültig den Weg zu ebnen.

Der Traum-Regierung ist in den vergangenen Jahren längst nicht alles gelungen. Die Wirtschaft lahmt noch immer. Die Arbeitslosigkeit sank zwar, aber lediglich von 15 auf zwölf Prozent. Die Korruption ist weiterhin allgegenwärtig. Immerhin aber hat Georgien 2014 ein Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnet, das im vergangenen Sommer vollständig in Kraft trat. Gut möglich, dass die Bürger der Kaukasusrepublik bald ohne Visa in die EU einreisen können. Das Verhältnis zu Russland hat sich entspannt. Vor allem aber haben sich die demokratischen Strukturen gefestigt. Zwar gab es vor der Parlamentswahl am Samstag vereinzelt Gewalttaten gegen Wahlkämpfer. Putschgerüchte machten die Runde und die geschlagene Vereinte Nationale Bewegung der Saakaschwili-Getreuen erhob nach Bekanntwerden der Ergebnisse Betrugsvorwürfe. Unter dem Strich aber steht ein, nach dem Urteil der OSZE, leidlich fairer Wahlsieg der Regierungspartei, die fast 50 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Es ist weniger ein Vertrauensbeweis als ein weiterer Vertrauensvorschuss: In Georgien lebt der osteuropäische Traum.

In Tschechien braucht sich niemand mehr ernsthaft um die Freiheit von Wahlen zu sorgen. Dort träumt auch niemand von visumsfreien Reisen in die EU. Die Republik im Herzen Europas gehört der Union seit zwölf Jahren an und ihre Bürger genießen seit 2011 die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit. Wirtschaftlich geht es dem Land ausgezeichnet. Und doch herrscht eine latente Unzufriedenheit, die sich zuletzt in der Flüchtlingskrise offenbarte. Seine teils ausländerfeindlichen Ausfälle ("Sie überrollen uns wie ein Tsunami") bescherten dem linkspopulistischen Präsidenten Miloš Zeman die besten Umfragewerte seiner Amtszeit.