Bei den vorgezogenen Wahlen am heutigen Samstag macht sich mit den Piraten unter ihrer Mitgründerin Birgitta Jónsdóttir eine Anti-Establishmentpartei daran, aus dem Nichts eine wichtige Größe in der politischen Landschaft Islands zu werden. Sollte sie tatsächlich ihre Umfragewerte von zwischen 20 und 25 Prozent in ein gutes Wahlergebnis ummünzen und sich an der Regierung beteiligen, will sie vieles anders machen.

Beabsichtigt ist vor allem die Zurückdrängung der Macht der in Island fest verankerten Clans, die Politik und Wirtschaft traditionell dominieren. Sie fordern daher mehr direkte Demokratie und Transparenz sowie einen konsequenten Kampf gegen Korruption und Betrug. Sinnbildlich für die traditionellen Eliten steht für viele Isländer die bislang mit der liberalen Fortschrittspartei regierende konservative Unabhängigkeitspartei unter Finanzminister Bjarni Benediktsson.

In den Meinungsumfragen der letzten Wochen liefert sich seine Partei ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Piraten. Island scheint somit wieder einmal hin- und hergerissen zwischen dem Versprechen nach Stabilität und der Verheißung eines Neuanfangs. Ein Blick in die jüngere Geschichte legt diesen Widerstreit als Grundmerkmal in der gegenwärtigen isländischen Gesellschaft offen.

Zwischen Tradition und Erneuerung 

Nachdem im Frühjahr dieses Jahres die sogenannten Panama-Papiere enthüllten, dass Ministerpräsident Davíd Gunnlaugsson und andere Politiker der Regierungsparteien an zwielichtigen Finanzgeschäften beteiligt waren, forderten Zehntausende Isländer seinen Rücktritt und Neuwahlen. Ein Großteil der Bevölkerung drückte damit deutlich seinen Unmut über die sich selbst bedienende politische Elite aus. Dieser wurde verdeutlicht durch die erstmalige Wahl eines Nichtpolitikers, des Geschichtsprofessors Guðni Jóhannesson, zum Staatspräsidenten im Juni. Er folgte dem ebenfalls über die Panama-Papiere gestolperten langjährigen Amtsinhaber Ólafur Grímsson.

Auf dem Höhepunkt der Bankenkrise Anfang 2009 – ungehemmte Finanzspekulationen hatten innerhalb weniger Tage zum Konkurs der drei größten Banken geführt, deren Vermögen zehn Mal größer als das Bruttosozialprodukt Islands war – stürzten auf allerlei Hausrat lärmende Isländer die Regierung unter Führung der konservativen Unabhängigkeitspartei (daher "Kochtopfrevolution"). Letztere hatte jahrzehntelang die politischen und wirtschaftlichen Geschicke des Landes bestimmt und somit maßgeblichen Anteil am drohenden Staatsbankrott.

Erstmals kam daraufhin eine Koalition aus Sozialdemokraten und Links-Grünen an die Macht. In der wirtschaftlichen Zwangslage sah diese eine einschneidende Sparpolitik als einzigen Ausweg. Die Bevölkerung lehnte sich jedoch mehrmals gegen die Wirtschafts- und Bankenreformen auf und wählte die Regierung schließlich 2013 ab. Daraufhin kehrten die alten konservativ-liberalen Kräfte an die Macht zurück und rückten von einigen Maßnahmen der Vorgängerregierung ab.