Gehen wir davon aus, dass im US-Außenministerium keine Vollidioten sitzen. Dass hinter der Syrien-Politik der Vereinigten Staaten nicht ein Haufen gutgläubiger Träumer, allen voran John Kerry, steht, sondern klar denkende Realisten. Gehen wir also davon aus, dass die Amerikaner nur zu gut wissen, welches Spiel Russland spielt: Wie es sich am Verhandlungstisch als Vermittler einer Waffenruhe oder gar weitergehenden Vereinbarung inszeniert, während es in Syrien für und mit Assad, dem Iran und anderen den schmutzigsten Krieg führt, der vor nichts und niemandem halt macht.

Als die USA Anfang der Woche die Gespräche über eine Waffenruhe abbrachen, begründeten sie dies mit den unablässigen Angriffen, insbesondere auf zivile Ziele im Osten Aleppos. Die Erkenntnis, dass Russland immer schon größeres Interesse daran hatte, das Assad-Regime zu stützen, als eine politische Lösung zu finden, wird nicht über Nacht gekommen sein. Dennoch hatte Kerry sich nie davon abbringen lassen, Stunde um Stunde mit seinem russischen Gegenspieler Sergei Lawrow zusammenzusitzen. Zuletzt verortete er den Russen in einem Paralleluniversum, immerhin. Dann kam der Bruch.

Er markiert nicht das Ende der Hoffnung, mit Russland gemeinsam in Syrien konstruktiv etwas bewegen zu können. Wenn Kerry kein Träumer ist, hat er diese Hoffnung nie gehabt; und wenn Kerry doch ein Träumer ist, hat es diese Hoffnung nie gegeben, weil Russland keinen Anlass dafür geliefert hat.

Schutz der Zivilbevölkerung ist den USA nicht wichtig genug

Die Ziele der USA in Syrien sind begrenzt. Der Kampf gegen den "Islamischen Staat" bleibt die Priorität – weil die Terrormiliz die unmittelbarste Bedrohung der amerikanischen Sicherheit darstellt. Die Ankunft Hunderttausender Flüchtlinge hat ein desinteressiertes Europa wachgerüttelt, aber nicht einmal hier folgte daraus ein realistisches Engagement zur Eindämmung des Krieges in Syrien, sondern eher der Weg in die Abschottung, um das Problem fernzuhalten. In den USA spielt die Flüchtlingsproblematik jenseits der Wahlkampflügen Donald Trumps keine Rolle. Die syrische Zivilbevölkerung vor den russischen und syrischen Bomben zu bewahren, mag aus humanitärer Sicht das oberste Gebot sein – das jedoch zu erzwingen, dafür war den Amerikanern der Einsatz zu hoch.

Deshalb war das Spiel bequem. Solange das Bild intakt blieb: Die großen Mächte verhandeln ja, sie suchen einen Weg – solange ließ sich der Wunsch abwehren, mehr zu tun. Kerry darf dabei durchaus zu denen gezählt werden, die ein militärisches Eingreifen gegen die syrische Luftwaffe befürwortet haben. Aber das war vor der russischen Intervention, Barack Obama wollte es nicht und inzwischen glaubt niemand mehr daran. Kerry warf also alle Energie in die Verhandlungen, ohne irgendein Druckmittel zu haben.

Mehr Waffen für syrische Rebellen?

Der Abbruch der Gespräche tut Russland nicht weh. Es kann sich weiterhin nahezu sicher sein, dass sein Wirken an vorderster Front des systematischen Vernichtungskriegs Assads keine nennenswerten Konsequenzen haben wird. Mehr noch: Lawrow darf damit rechnen, dass Kerry jede noch so kleine Chance nutzen wird, die Diplomatie wiederzubeleben – auch wenn das Spiel damit von vorn beginnt.

Zwar hält Kerry seine Wut über Russlands weiche Worte und harte Taten nicht mehr völlig zurück, aus seiner gesunden Skepsis scheint offenes Misstrauen geworden zu sein. Doch was bleibt ihm, wenn schon bald mit Obamas auch seine Amtszeit endet? Der US-Präsident jedenfalls lässt nicht erkennen, dass er das erneute Scheitern der Verhandlungen zum Anlass für eine robustere Politik nimmt, selbst wenn in Washington nun auch wieder militärische Optionen diskutiert werden. Die USA könnten Rebellen in Syrien mehr und bessere Waffen liefern – eher unwahrscheinlich aber, dass dazu Raketenwerfer gehören würden, die etwas gegen die permanenten Bombardierungen ausrichten könnten. Russland bringt bereits starke Gegenargumente nach Syrien: die modernste Variante russischer Luftabwehrsysteme.