So verteilt man eine Klatsche – auf Diplomatisch. Treffen vereinbaren, bestätigen und dann, kurz vorher, ausrichten lassen: Klappt nicht, ist was Wichtigeres los. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ist das am Dienstagmorgen in Teheran passiert. Eigentlich war kurz vor seiner Abreise aus dem Iran sein wichtigster Termin geplant. Gabriel sollte den Parlamentspräsidenten Ali Ardeschir Laridschani treffen, einen der einflussreichsten Drahtzieher der iranischen Politik. Doch dann hatte der plötzlich keine Zeit und dadurch wiederum Gabriel zu viel davon. So viel, dass er nicht nur das Nationalmuseum, sondern gleich auch noch zwei weitere Museen besichtigen konnte. Sogar eine Tasse Kaffee im Sonnenschein war noch drin. Alles in allem eine bereichernde Erfahrung. Nur, deswegen war der Minister eigentlich nicht gekommen.

Dass seine zweite Iran-Reise nicht einfach werden würde, hatte Gabriel von Anfang an gewusst. Schon als er vor gut einem Jahr zum ersten Mal als Minister hier gewesen war, hatte es Ärger gegeben. Damals waren gerade erst die Sanktionen teilweise aufgehoben worden, die wegen des militärischen Atomprogramms verhängt worden waren. Er nehme seine Rolle als Türöffner für die deutsche Wirtschaft zu wichtig, reise zu hastig in ein Land, das das Existenzrecht Israels immer noch verneine und die Menschenrechte weiter massiv verletze – so lauteten die Vorwürfe damals, und so lauten sie zum Teil auch heute noch. Denn im Iran wurden und werden Menschen verfolgt, gefoltert und hingerichtet. In jüngster Zeit ist die Zahl der Todesurteile sogar wieder gestiegen. Und auch im Syrien-Konflikt spielt die Regierung eine höchst problematische Rolle.

Jetzt mit einer 120-köpfigen Wirtschaftsdelegation anzureisen, bietet also erst einmal den Kritikern erneut Munition. Zugleich aber ist der Druck der Wirtschaft groß: Viele mittelständische Unternehmen fürchten, ohne die Unterstützung der Regierung attraktive Geschäfte in einem boomenden Markt an unfaire ausländische Konkurrenten zu verlieren. Denn deren Regierungen sind da ganz offensichtlich wenig zimperlich. Erst unlängst hat Frankreich den iranischen Präsidenten Hassan Ruhani eingeladen, und weil der bei seinem Besuch keinen Wein auf dem Tisch sehen wollte, das geplante Staatsbankett kurzerhand in ein Kaffeetrinken umgewandelt. Und in Italien wurden sogar nackte Marmorfiguren bedeckt.

"Wir sind eine Exportnation"

Gabriel versucht daher eine Art dritten Weg. Schon vor der Reise hatte er darauf hingewiesen, dass die Bundesrepublik immer mindestens zwei Interessen am Iran habe und es auch keinen Sinn mache, dies zu ignorieren. Man wolle bessere Wirtschaftsbeziehungen: "Wir sind eine Exportnation." Aber es liege eben auch massiv im deutschen Interesse, dass sich die Situation der Menschen im Land verbessere. Wenn es also dem Iran durch engere Wirtschaftsbeziehungen mit dem Rest der Welt irgendwann ökonomisch besser geht, so seine Logik, dann werde das die reformorientierten Kräfte in der Regierung Ruhani stützen und die Macht der religiösen Extremisten mindern. Dann könne sich das Land auch politisch mehr öffnen und liberaler werden. Die deutschen Ziele  würden sich also nicht einmal widersprechen. Und das Reisen mit der Wirtschaft sei sinnvoll – auch weil er dabei immer wieder die Menschenrechte ansprechen werde.

Diesmal allerdings hatte Gabriel seine Kritik an der iranischen Politik bereits vor der Reise geäußert – in einem Interview bei Spiegel Online und mit der ihm eigenen Direktheit: "Es gibt im Iran schlimme Menschenrechtsverletzungen, unter anderem die Hinrichtung von Minderjährigen", sagte Gabriel unter anderem. An dem Satz ist nichts falsch. Dumm ist nur, dass nicht ganz sicher ist, wer daraus im Iran gerade mehr politisches Kapital daraus schlagen kann, in einer Zeit, in der ein heißer Wahlkampf beginnt: Sind es die religiösen Eiferer, die jede Kritik am Land und seiner Politik  als Beleidigung brandmarken, deswegen auch die Gabriel-Äußerungen gleich öffentlich skandalisierten – und den Wirtschaftsminister wohl am liebsten gar nicht erst über die Grenze gelassen hätten? Oder sind es die Reformer um Präsident Ruhani?

Ruhani hatte wohl schon früher als Gabriel von einem möglichen Platzen des Gesprächs mit dem Parlamentspräsidenten Wind bekommen und deswegen noch am Abend zuvor seinen zweiten Mann, Mohammad Bagher Nobacht, zum Essen vorbeigeschickt – quasi als hochrangigen Ersatzspieler. Mit dem konnte der Minister dann doch noch über die wichtigen Fragen reden. Auch über die Menschenrechte. Und darüber, dass offene Gesellschaften Kritik aushalten müssen und können, auch Kritik von außen.

Ob Gabriels Strategie damit aufgeht? Wenn, dann wäre die diplomatische Ohrfeige schon fast ein Kompliment.