Bei ihrem ersten Besuch eines EU-Gipfels als Premierministerin wollte Theresa May ein positives Zeichen setzen. Schließlich hatte sie mit ihrer Rede beim Parteitag der Tories Anfang des Monats in Brüssel für Aufregung gesorgt. Erstmals hatte sie sich zu ihren Plänen für den Brexit geäußert und einen unerwartet harten Bruch mit der EU angekündigt. In Brüssel sollten nun versöhnlichere Töne folgen.

Dass es dann nicht wirklich versöhnlich wurde, war nicht allein Mays Schuld. Beim Abendessen der EU-Staats- und Regierungschefs am Donnerstagabend ließen ihre Amtskollegen sie bis 1 Uhr warten, dann erst durfte sie ihre vorbereitete Rede zum Brexit halten. Allerdings waren der britischen Premierministerin nur fünf Minuten eingeräumt worden. Sie versuchte, das Beste daraus zu machen: May beteuerte, dass Großbritannien definitiv die EU verlassen werde, um jeden Zweifel daran zu zerstreuen, dass es beim Brexit noch eine Wende geben könnte. Und sie sagte, dass sie erwarte, bis zum EU-Austritt bei den Entscheidungen der EU weiter "eine zentrale Rolle zu spielen", statt bei Gipfeltreffen und Verhandlungen zum Zuschauen verdammt zu sein.

Nach der kurzen Ansprache reagierten ihre Amtskollegen mit: Schweigen. EU-Ratspräsident Donald Tusk soll die anderen Staats- und Regierungschefs angewiesen haben, auf Mays Rede nicht zu antworten. So wollte er offenbar sicherstellen, dass die EU bei ihrer Linie bleibt, wonach es keine Gespräche geben soll, solange Großbritannien das Austrittsprozedere nicht offiziell in Gang gesetzt hat. Was vermutlich in erster Linie taktisch gedacht war, kam wie ein gezielter Affront an. Die britische Regierung spielte den Vorfall herunter. Dennoch dürfte May einen Vorgeschmack darauf bekommen haben, was ihr bei den Austrittsverhandlungen bevorsteht.

Ärger über Mays Gestaltungsanspruch

Am nächsten Tag waren es dann auch nicht die Briten, die ihrem Unmut Luft machten. Manfred Weber, Chef der Christdemokraten im EU-Parlament, sagte: "Wenn jemand einen Club verlassen möchte, dann ist es nicht normal, dass so ein Mitglied über die Zukunft dieses Clubs entscheiden möchte." Die britische Regierung habe "mit ihrem Verhalten" für "viel Ärger" gesorgt. "Wenn ihr gehen möchtet, dann macht das. Aber entscheidet nicht für die Europäische Union."

Doch damit nicht genug. Weber drohte Großbritannien härtere Brexit-Verhandlungen an, sollte London weiter Pläne der EU blockieren. In einem Interview mit BBC Radio 4 sagte er: "Es ist zu verstehen, dass wir als Deutsche, als Franzosen, als Italiener an unser langfristiges Projekt denken. Bitte blockiert es nicht. Denn das würde einen großen Einfluss auf die Brexit-Verhandlungen haben, falls ihr es doch macht."

Weber fordert Johnson zum Rücktritt auf

Weber forderte erneut den britischen Außenminister Boris Johnson zum Rücktritt auf. Er verwies auf eine Zeitungskolumne, die Johnson geschrieben hatte, bevor er sich an die Spitze der Leave-Kampagne setzte. Die Sunday Times hat den bislang unveröffentlichten Artikel vergangene Woche publik gemacht. Darin zählt Johnson die Vorzüge der EU auf und warnt vor den Folgen eines Brexits. Johnson erklärte seitdem, der Artikel sei "halbironisch" gemeint gewesen.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz ließ keinen Zweifel daran, was er von Einschränkungen bei der Zuwanderung hält, wie May sie anstrebt. "Ich weigere mich, mir ein Europa vorzustellen, in dem LKW und Hedgefonds die Freiheit haben, Grenzen zu überqueren, aber Bürger das nicht dürfen", sagte Schulz vor allen 28 EU-Regierungschefs. Eine Trennung der "vier Grundfreiheiten" dürfe es nicht geben.

Harte Verhandlungen statt harter Brexit

EU-Ratspräsident Tusk sagte, ihm wäre es am liebsten, wenn Großbritannien doch noch in der EU bliebe. "Wir müssen die Entscheidung des Referendums respektieren. Ob die wieder rückgängig zu machen ist oder nicht, liegt in britischer Hand." Aber jetzt müsse die EU "mit unserer formalen Arbeit beginnen."

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Francois Hollande warnten May, dass auf Großbritannien "harte Verhandlungen" zukämen. Merkel verteidigte zunächst Mays Ankündigung, dass London bis zum EU-Austritt in die Entscheidungen eingebunden werden wolle. Mit Blick auf die Verhandlungen sagte sie dann aber, dass diese "nicht einfach" werden würden. Hollande holte weiter aus: "Ich sage das sehr entschieden: Theresa May möchte einen harten Brexit? Die Verhandlungen werden hart werden!"

May – die am Freitag genau 100 Tage im Amt ist – zeigte sich von dem kühlen Empfang in Brüssel ungerührt. Sie sei "zuversichtlich", dass Großbritannien "das richtige Abkommen" erzielt, da ein solches auch im Interesse der EU sei. Großbritannien werde ein enger Partner der EU sein und nach dem EU-Austritt freien Handel "mit dem Kontinent" treiben – aber mit Einwanderungskontrollen. Bei den Verhandlungen werde es "schwierige Momente" geben, räumte May ein. "Es wird ein Geben und Nehmen geben müssen."